Als Oskar Lafontaine das Finanzministerium übernahm, hatte er die Möglichkeit des Scheiterns bereits einkalkuliert. Bei seinem Vorgänger Theo Waigel konnte er beobachten, wie schwer es ist, gleichzeitig Parteivorsitzender und Finanzminister zu sein. Er selber wollte sich aber nicht wie Waigel langsam aufreiben lassen. "Einer wie Lafontaine läßt sich nicht mit den Füßen voran raustragen", analysiert ein Sozialdemokrat aus dem Kanzleramt den starken Abgang des Saarländers.

Finanzminister Lafontaine wurde auch ein Opfer der überzogenen Erwartungen, die er nach der gewonnenen Wahl nicht dämpfen wollte. Er tat so, als sei der deutsche Wohlfahrtsstaat zur Beute der Neoliberalen geworden, und versprach eine Wende zum Sozialen. Die hätte er als Finanzminister bezahlen müssen. Dabei ist der kommende Etat selbst ohne Zusatzausgaben nicht solide zu finanzieren, das wußte Lafontaine nur zu gut. In seiner ersten und letzten Rede, mit der er einen Bundeshaushalt eingebracht hat, hob er hervor: "Wir haben bei weitem noch nicht genug Anstrengungen unternommen, um den Staatshaushalt zu sanieren ... Das wird in Zukunft nicht ausreichen."

Der Parteichef muß sich gefühlt haben wie im Märchen vom Hasen und Igel, allerdings in einer besonders schrägen Variante: Er war gleichzeitig Langohr und Stacheltier. Was immer er in den nächsten Wochen getan hätte, das Feld wäre schon von eigenen Positionen besetzt gewesen: Dem sozialen Wohltäter stand der Etatsanie- rer entgegen, dem sparsamen Haushälter der Keynesianer, dem Keynesianer der Europäer, der nicht aus den Zwängen des europäischen Stabilitätspaktes herauskonnte und -wollte.

Zu diesem inneren Konflikt kam der Druck von außen. Lafontaine und seine Mitarbeiter konnten spüren, wie stark sie sich mit ihren Forderungen nach sinkenden Zinsen und einem neuen Wechselkurssystem isoliert hatten. "Wir sind doch eine Sekte hier, wir werden jetzt alle ausgemerzt", sagte am vergangenen Freitag bitterböse ein Mitarbeiter, den Lafontaine ins Finanzministerium geholt hat. Mit dieser Haltung traten Leute wie Staatssekretär Heiner Flassbeck auch nach außen auf: nicht wie die Repräsentanten der neuen Mehrheit, die selbstbewußt für ihren Kurs werben, sondern wie Vertreter einer Minderheitsmeinung, über die sie mit beleidigtem Unterton einen akademischen Disput führen.

Mit "missionarischem Eifer", so einer der Getreuen selbstkritisch, vertraten sie ihre Ideen, die sich immer mehr verselbständigten. Der Kreuzzug für stabile Wechselkurse nahm skurrile Formen an. Im EU-Ministerrat wedelte Lafontaine mit grafischen Darstellungen von Zinsen und Kursen herum, seine Mitarbeiter verlangten, man solle demnächst einen Overheadprojektor aufbauen, damit der Minister seine Vorträge visuell unterstützen könne. In den Fachgremien der EU wurde es immer stiller, wenn Flassbeck für Zinssenkungen argumentierte. Bedrückt stellte einer seiner Zuarbeiter fest: "Manchmal diskutieren wir ganz alleine."

Auf ihrer Irrfahrt ging den neuen Oberlehrern der wichtigste Bündnispartner verloren: Frankreich. Anfangs war Finanzminister Dominique Strauss-Kahn hoch erfreut darüber, daß der sture Monetarismus von Lafontaines Vorgänger Theo Waigel überwunden war. Anfang des Jahres veröffentlichten Strauss-Kahn und Lafontaine gemeinsam ein Memorandum für mehr wirtschaftspolitische Kooperation in Europa. Doch bald schon wurden den Franzosen die permanenten Angriffe der neuen deutschen Truppe auf die Europäische Zentralbank (EZB) ebenso suspekt wie die fruchtlosen Debatten im G-7-Klub der größten Industriestaaten über Zielzonen oder Bandbreiten für die Wechselkurse von Euro, Dollar und Yen.

In bestimmter Hinsicht hatte der Saarländer durchaus recht: Der Versuch der neuen Zentralbank, sich hinter Worthülsen zu verstecken, statt die eigene Politik zu erklären und zu rechtfertigen, grenzte an einen absolutistischen Machtanspruch. Die Forderung nach Tranparenz und Dialogbereitschaft verletzt nicht die verbriefte Unabhängigkeit der Notenbank. Doch mit seinen ständigen öffentlichen Forderungen nach Zinssenkung überschritt der deutsche Finanzminister die schmale Grenze zur Bevormundung.