Auch sozialdemokratische Währungspolitiker und Geldexperten schüttelten nur noch den Kopf darüber, daß Lafontaine und seine Staatssekretäre Flassbeck und Claus Noé eine Zinssenkung zur Schlüsselfrage für Europa hochstilisierten. Sehr zum Ärger der Franzosen geriet die europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik darüber ins Hintertreffen. Lafontaine war mit dem Anspruch gestartet, in der Steuerpolitik gewisse Mindeststandards in der EU durchzusetzen. Er verstand, daß ein einheitlicher Wirtschafts- und Währungsraum nicht de facto auf die Besteuerung von Kapitalerträgen verzichten und Steueroasen tolerieren kann. Lafontaine hätte auch die Statur gehabt, um Fortschritte auf diesem Gebiet zu erzwingen. Doch er verlor das Ziel aus den Augen, geblendet von seinem aussichtslosen Kampf für niedrige Zinsen und Währungszielzonen, diesem "völlig lächerlichen und unrealistischen Projekt", wie Le Monde Anfang der Woche kritisierte.

Auch das eigene Ministerium bekam der gestaltungswillige Politiker nicht in den Griff. Noé, der den aufgeblähten Apparat neu organisieren sollte, wird von einer Mitarbeiterin Lafontaines vorgeworfen, er habe unnötig lange für personelle Veränderungen gebraucht. Drastisch kommentiert ein sozialdemokratischer Finanzexperte: "Noé paralysiert den Laden und erzählt den Leuten jeden Tag, daß sie Arschlöcher sind." Der Kritisierte hielt dagegen, nicht jeder Karrierewunsch sozialdemokratischer Beamter könne in Erfüllung gehen.

Sosehr er nach außen hin auftrumpfte - Lafontaine war nicht blind für die Schwächen seiner Politik. In den Wochen vor seinem Rücktritt beschlich ihn das Gefühl, seine Steuerreform sei vielleicht doch nicht der große Wurf. Statt sein Projekt von Grund auf zu überarbeiten, blieb er dabei, warf aber erstaunlicherweise seinen Experten vor, sie hätten ihn in eine Reform hineingetrieben, welche die Wirtschaft belaste und die Stimmung verhagele. Einer seiner Mitarbeiter beobachtete, wie der Minister "sich innerlich stark von der Steuerreform distanzierte und einen Widerspruch aufbaute, der seine Position in Frage stellte". Es sei zu Gefühlsausbrüchen gekommen, die aber folgenlos blieben.

Weil er selber an seiner Steuerpolitik zweifelte, nervte ihn um so mehr, daß das Kanzleramt ihn zu Korrekturen zwang und sich die Feder einer "wirtschaftsfreundlicheren" Politik an den Hut heftete. Zur Explosion kam es, als Lafontaine einen Tag vor der Einbringung des Bundeshaushaltes im Handelsblatt lesen mußte, seine eigene Expertenkommission empfehle, zu Beginn des nächsten Jahres die Körperschaftsteuer drastisch zu senken. Wieder vermutete er eine gezielte Indiskretion des Kanzleramtes, die ihn zwingen solle, sich vorab festzulegen. Dabei hatten sich auch seine eigenen Vertrauten über die Vorstellungen der Experten informiert.

Zweifellos haben die Schuldzuweisungen über die Medien, denen Lafontaine sich ausgesetzt sah, die Stimmung verdorben. Doch am Scheitern des Finanzministers und Parteichefs sind sie ebensowenig schuld wie der angebliche Richtungsstreit mit dem Modernisierer Schröder. Bis heute vermag niemand zu sagen, worin Schröders fundamental andere Linie denn bestünde.

Lafontaine ist es nicht gelungen, den in seiner Doppelrolle als Parteichef und Finanzminister angelegten Konflikt zu lösen und sich in Deutschland wie in der EU auf realisierbare Aufgaben zu konzentrieren. Dem stärksten Politiker der SPD blieb am Ende nur die Wahl zwischen einem völligen Kurswechsel und einem starken Abgang.