Das Frontier Hotel an der Ecke Fifth Street und Main hat schon bessere Zeiten gesehen. In den vierziger Jahren, heißt es, sind Roosevelt und Truman hier abgestiegen. Ein unterirdischer Gang führte zu einem Nachtclub auf der anderen Straßenseite. "Es war das richtige Hotel in der richtigen Gegend", sagt der mexikanische Manager und klimpert mit seinen Schlüsseln, "hier war wirklich was los." Damals hieß das Frontier noch Million Dollar Hotel. Die übermannshohen Leuchtbuchstaben mit diesem Namen stehen noch auf dem Hoteldach. Aber sie leuchten nicht mehr.

The Million Dollar Hotel heißt auch der Film, den Wim Wenders seit sechs Wochen hier dreht. Vor zwei Jahren, als Wenders in Cannes von seinem Projekt erzählte, sprach er noch vom Billion Dollar Motel , einer aufwendigen Science-fiction-Phantasie. Inzwischen ist mit dem Budget auch der Titel des Films geschrumpft. Immerhin spielen Mel Gibson, Milla Jovovich, Peter Stormare, Gloria Stuart, Jimmy Smits und Jeremy Davies mit in The Million Dollar Hotel , und Bono, der Chef der Popgruppe U2, zählt zu den Produzenten. Wim Wenders ist kein großer player in Hollywood, aber sein Name hat hier einen guten Klang.

Wenders' Film erzählt, wie es in der Pressemitteilung heißt, eine "poetische und paradoxe Liebesgeschichte". Irgendwann in naher Zukunft gibt es unter den Junkies und Streunern, die das Million Dollar Hotel bevölkern, einen Toten. Ein Detektiv (Mel Gibson) soll den Fall aufklären. Eloise (Milla Jovovich) und Tom Tom (Jeremy Davies) gehören zu den Verdächtigen. Eine Überschwemmung verleiht dem Geschehen zusätzliche Dramatik. Er wolle eine "magische und surreale" Atmosphäre schaffen, sagt der Kameramann Phedon Papamichael.

Die Dreharbeiten sind surreal genug. Das Filmteam hat die Lobby und die untersten zwei Stockwerke des Frontier gemietet; wenn die Hotelgäste mit dem Aufzug nach oben fahren wollen, müssen sie über den Set. Während des Drehens bleiben die Aufzüge gesperrt. Das haben die Bewohner nicht gern. Immer wieder stockt die Arbeit am Film, weil lauthals schimpfende und gestikulierende Menschen besänftigt werden müssen. Aber Wenders ist die Ruhe selbst. Eine Szene, in der Jimmy Smits und Jeremy Davies an einer Brüstung stehend einen kurzen Dialog sprechen, wird zweidutzendmal aus allen möglichen Perspektiven gedreht. Dennoch hört man keinen Ausruf der Ungeduld, kein lautes Wort. Die fraglose Gelassenheit, mit der Wenders vor zehn Jahren in Australien sein Riesenopus Bis ans Ende der Welt inszenierte, ist immer noch da. Sie überträgt sich auf sein Team. Was immer auch am Ende bei The Million Dollar Hotel herauskommt, es wird genau der Film sein, den Wenders gewollt hat.

Einmal, während einer Umbaupause, läuft eine große, hagere, in einen eleganten rosa Stoffmantel gehüllte Afroamerikanerin mit unendlicher Langsamkeit am Aufnahmeleiter vorbei zu einem der Aufzüge. An der Metalltür dreht sie sich um. Es ist eine Greisin. Sie sieht aus, als käme sie aus einer anderen, besseren Zeit. Als sie zum Set hinüberschaut, auf dem Wenders gerade mit seinem Kameramann die nächste Einstellung bespricht, verzerrt sich ihr Gesicht wie zu einem Fluch. Doch man hört keinen Laut. Dann kommt auch schon der Lift.