Zuerst die gute Nachricht: Die Europäische Union lernt, was Demokratie bedeutet. Manchmal bedeutet sie Rücktritt. Zum Beispiel den von Jacques Santer, dem Präsidenten der Brüsseler Kommission. Und ihm folgte, nach einer Serie von Skandalen und tölpelhaften Versuchen eines Neuanfangs, gleich die gesamte Führung der EU-Zentrale. 20 Kommissare auf einen Streich. Recht so, sagen Millionen EU-Bürger. Auch das Straßburger Parlament war Santers trauriger Gestalt längst überdrüssig.

Nun die schlechte Nachricht: Santers Mannschaft dankt aus dem falschen Grund ab. Nicht etwa demissioniert sie, weil sie reihenweise der Korruption und des Nepotismus überführt worden wäre. Im Gegenteil, derlei läßt sich einzig von der notorisch intriganten Edith Cresson behaupten, keinen Zweifel läßt der Ausschuß unabhängiger Experten an der Vetternwirtschaft der hochmütigen Französin.

Und jetzt die schlimmste Nachricht aus Brüssel. Skandale und Rücktritte verstellen die Sicht auf das fundamentale Dilemma, in dem sich die Integration des Kontinents - nach dem Euro und vor der Osterweiterung - verfangen hat. Es braucht nicht viel zur Selbstblockade. Einen allzu braven Kommissionspräsidenten, der seine Behörde unversehens in die Zwickmühle manövriert; ein unreifes, weil nur halbfertiges Parlament, das sich selbst und seine Macht erprobt. Und 15 nationale Regierungen, die wie Gaffer nach einem Crash auf der Autobahn mit verschränkten Armen bestaunen, wie sich die Brüsseler Institutionen ineinander verkeilt haben. Dabei sind sie es, die - per EU-Vertrag - jene Verkehrsregeln geschrieben haben, die einen Unfall nach dem anderen bewirken. Und jede Menge Staus.

Da ist, zum einen, die Kommission. Dieser Zwitter - mal Gesetzgeber, mal Verwaltung - wird erdrückt von immer neuen Aufgaben, die ihm Parlament und Ministerrat zuweilen zuweisen. Doch beide verweigern unisono das nötige Personal. Die Kommission wird überfordert und überfordert sich selbst: eine Bürokratie, die kreativ Programme für Europas Fortschritt entwerfen soll. Und zugleich eine Wächterin über das heilige Gemeinschaftsrecht, die sich - Vorsicht, Subsidiarität! - zu sehr nicht in die angeblich inneren Angelegenheiten ihrer Mitgliedstaaten einmischen darf.

Der Kommission gegenüber steht ein Parlament, das in keiner der 15 Hauptstädte sehr ernst genommen wird. Fast die Hälfte der EU-Ausgaben, den Agrarhaushalt nämlich, regeln die Regierungen am liebsten ohne Rücksicht auf dieses Hohe Haus. Derart in die Verantwortungslosigkeit entlassen, agieren in Straßburg viele eifrige Abgeordnete, die keiner Ordnung gehorchen. Wenn, dann folgen sie nationalen Interessen - nicht etwa Fraktionen. Ein Mikrokosmos, der allzu oft nur Chaos produziert.

Es ist Zeit für eine Debatte über Europas Verfassung

In ihrer Diagnose von Europas Zuständen haben Skeptiker wie Edmund Stoiber ja durchaus recht, wenn sie die EU eines Mangels an Demokratie und Kontrolle zeihen. Nur bieten sie eben keinerlei Therapie. Lösungen finden sich, angesichts von Euro, Osterweiterung und Globalisierung, nicht im Rückzug auf die Provinz, sondern allein in Plänen zu Umbau und Vollendung des europäischen Gebäudes. Bei Joschka Fischer zum Beispiel. Oder beim früheren Präsidenten der Kommission, Jacques Delors.

Doch selbst ein neuer Delors könnte die Union nicht aus ihrer Systemkrise befreien. Das hat, immerhin, der deutsche Außenminister begriffen. Joschka Fischer hat angesichts des elenden Zustands der EU zur Debatte über eine europäische Verfassung aufgerufen: Billiger sind eine saubere Gewaltenteilung, mehr Demokratie und letztlich mehr Sympathie der Bürger für ihr Europa nicht zu haben.

Die Union steckt in einer der schwersten Krisen ihrer Geschichte. Jetzt genügt es nicht, wenn Gerhard Schröder ein paar Scherben kittet. Mehr als an mieser Korruption leidet Europa an seiner miserablen Konstitution.