Wie es kommen kann, wenn ein Land über Jahre schlecht regiert wird, zeigt das Beispiel Japans. Eine an sich äußerst starke Volkswirtschaft steckt in der Dauerkrise. Was Japan erleidet, ist keine Rezession, sondern eine Depression. Deutschland ist gar nicht so weit davon entfernt. Sieht Kanzler Schröder die Gefahr? Was tut er, um sie abzuwenden?

Lafontaine ist gegangen, alles andere bleibt: 1999 wird ein schweres Jahr für Deutschland. Bundesregierung und Weltwirtschaft geben keinen Schwung. Faktisch sinken die Preise. Die Löhne steigen zu schnell, und die Arbeitskosten sind eh zu hoch. Die Unternehmen investieren zögerlich. Der Staat ist verschuldet; sein Spielraum verengt sich, obwohl er in dieser Volkswirtschaft jede zweite Mark einnimmt und ausgibt. Die Bürger sind verunsichert, erst recht die Arbeitgeber. Mit einem Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent, vielleicht noch weniger, ist kein Staat zu machen und auf Dauer zumal kein Sozialstaat.

Die Dramatik wollen viele nicht wahrhaben. Umfragen weisen hin auf eine Art Schizophrenie. In ihrer Mehrzahl glauben die Deutschen, ihnen persönlich werde es bessergehen, dem Lande aber schlechter: Man freut sich, wenn die Regierung Geld verteilt; man fragt sich leise, ob sie sich das leisten kann. Kann sie nicht mehr.

Jetzt trumpft die Wirtschaft auf - weil der Kanzler schwach ist

Eine Spezialität der herkömmlichen Sozialdemokratie ist das Umverteilen, wiewohl Umverteilung keine Arbeitsplätze bringt; das weiß man inzwischen, müßte es wissen. Schröders Problem: Er hat Gerechtigkeit versprochen, aber auch Modernisierung. Von letzterer ist nichts zu sehen. "Reform" ist in Teilen der SPD fast schon ein Schimpfwort, weil es fast keine Reform ohne Härten gibt. Der konservativ gewordenen Fortschrittspartei, um die er sich wenig kümmerte, wird der Kanzler demnächst vorsitzen - zu einem Zeitpunkt, da in Deutschland viel zu erneuern und nicht mehr viel umzuverteilen ist. Es wird schwierig.

Schröder hat sich gegen Lafontaine durchgesetzt, nun muß er Reformen durchziehen, gegen Widerstände in der SPD wie in der Wirtschaft. Schwäche und Dilettantismus der vergangenen Monate haben so viel Glaubwürdigkeit gekostet, daß die Wirtschaft auftrumpft. Das ist ebenso verständlich wie beunruhigend. Manager drohen, Geschäftszweige oder sogar den Hauptsitz des Konzerns ins Ausland zu verlagern. Verbandsvertreter setzen sich nur noch widerwillig an Runde Tische. Das sieht aus nach Machtprobe. Die Frage ist, wer wirklich regiert, wenn es Schröder nicht tut. Der Nachbesserungskanzler hat das Gesetz des Handelns verloren. Kann er bald wieder die Initiative ergreifen?

Wenn er zurück ist von der Rundreise durch alle EU-Länder, ist eine Regierungserklärung fällig - Schröders ureigenes Reformprogramm für die nächsten Jahre. Zu oft ist er aufgelaufen und umgefallen, weil seiner Politik der größere Zusammenhang fehlte, die Perspektive.

Kann es sich Schröder leisten, vor seiner Wahl zum SPD-Vorsitzenden einen verbindlichen Fahrplan der Reformen zu verkünden? "Flexibilisierung von Arbeitsmärkten, Reform des öffentlichen Sektors, Aufbrechen überkommener Bildungsstrukturen", hieß es in den Eckpunkten einer sozialdemokratischen Modernisierungspolitik, die Schröder Ende 1997 vorstellte. "Überregulierung und Überbürokratisierung müssen abgebaut werden", bekräftigte im April 1998 die SPD im Wahlprogramm. "Den Strukturwandel voranbringen", versprachen SPD und Grüne in der Koalitionsvereinbarung. Nichts davon ist angepackt worden.

Höchste Zeit, daß Schröder der Modernisierer zum Vorschein kommt, so es ihn gibt. Nur das kann die Wirtschaft bewegen, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, das erste Ziel von Rot-Grün. Doch der Kanzler hat bisher den Eindruck erweckt, lieber an die nächsten drei Tage als an die kommenden drei Jahre zu denken. Er hat sprunghaft agiert - anders und schlechter als am Ende Helmut Kohl.

Jetzt bietet sich Gerhard Schröder eine Chance, die SPD - noch bevor er am 12. April an deren Spitze tritt - auf eine entschlossene und unbequeme Modernisierungspolitik zu verpflichten, übrigens mit Hilfe kluger Strukturreformer unter den Grünen. Wenn Schröder das unterläßt, wird er weiter basteln müssen. Und dann kommen nach und nach japanische Verhältnisse - oder eine Große Koalition?