Rune Mathisen raucht. Esben Sletten schlürft Kaffee, die achte Tasse mittlerweile, seit das Boot vor fast fünf Stunden aus Henningsvær ausgelaufen ist. Im Radio dudelt Conny Francis, während Gischt an die Scheiben des kleinen Ruderhauses der Rutland schlägt.

Es sind die letzten Minuten der Ruhe vor dem Sturm - freilich nur im übertragenen Sinn: Bei einer Windstärke von mehr als 12 würde sich niemand mehr mit dem 15 Meter langen Schiff hierherwagen, hinaus auf Røstbanken, in die offene See nordwestlich der Lofoten, die sich etwa 150 Kilometer lang zwischen dem 67. und 69. Breitengrad ins Meer erstrecken. Heute dagegen ist der Seegang erträglich. Gerade mal zwei, drei Meter hoch gehen die Wellen.

Minuten später wird im harten Licht der Neonlampen ein blutiges Stück gegeben: Rune gafft Fische. Leise surrend holt die hydraulische Winde an Steuerbord die Leine hoch. Alle zweieinhalb Meter hängt eine 60 Zentimeter lange, dünnere Seitenschnur, an der ein leerer Haken baumelt - oder ein Fisch zappelt. Sowie einer der glänzenden Körper aus dem Wasser taucht, schlägt Rune den Eisenhaken seiner kurzen Holzkeule hinein, zieht ihn hoch, die Seitenschnur reißt ab, schon greift Esben zu, zieht dem Fisch das scharfe Messer durch die Kehle und wirft ihn samt Haken zum Ausbluten in einen wassergefüllten Behälter. Kleineren Lumps, Schellfischen und Seelachsen schneidet er den Kopf ab und reißt die Innereien heraus. Die Kabeljaus, um einen halben Meter lang, bleiben ganz.

Im Lichtkegel tanzen Schatten auf dem Deck, die Rutland, zwar einige Male geliftet, aber doch schon 78 Jahre alt, stampft unbeirrt über Wasserberge und durch Wellentäler, es riecht nach See und Diesel.

Die beiden Männer, dick eingemummt in Overalls und gelbes Gummizeug, die Mützen unterm Kinn verknotet, arbeiten schweigend. Was gibt es groß zu reden, wenn man seit sieben Jahren nebeneinandersteht und jeden Handgriff viele tausend Male ausgeführt hat. Esben wirft hin und wieder einen Blick auf den Kompaß, er hält das Boot mit einer kleinen Steueranlage von hier aus auf Kurs. Noch bis vor fünf Jahren fuhr die Rutland mit drei Mann Besatzung. Jetzt machen die beiden es allein: Mehr Arbeit heißt auch mehr Geld.

Fisch auf Fisch kommt hoch. Ist der Wässerungskasten voll, lassen die Fischer den Inhalt über eine Rutsche in die Stahlcontainer im Laderaum poltern. Haken auf Haken, dann wieder ein paar Fische - so geht es, fast 16 Kilometer lang geradeaus, acht Stunden ohne Pause durch die Nacht.

Viele der 6000 Haken bleiben leer. Denn noch sind erst die Vorboten des Skrei angekommen, der riesigen Kabeljauschwärme, die im Winter aus der Barentsee zu den Lofoten ziehen, um in dem wärmeren Wasser, das der Golfstrom zuführt, zu laichen. Aber Esben und Rune fahren ihnen schon jetzt dreimal die Woche entgegen. Denn sie befürchten, ihre diesjährige Quote von 65 Tonnen nicht ausschöpfen zu können, ehe der Fisch Anfang Mai wieder abzieht. Letztes Jahr passierte ihnen das.