Der Scheinselbständige beginnt als Münzselbständiger. 30 Pfennig je Druckzeile als erstes Taschengeld, das sich im Verlauf einer Journalistenkarriere zu Mark pro Sendeminute steigern mag. Solche Fragen sind bei den Anstalten öffentlichen Rechts im "Honorarrahmen" geregelt, der zum Beispiel eine Demarkationslinie zwischen "Nachrichtenfilm" und "Magazinbeitrag" bei vier Minuten zieht. Zuschauer mögen sich über einen Politiker-O-Ton wundern, der nichts Erhellendes mehr zum Berichtsgegenstand beiträgt. Für den Autor des Beitrags aber bedeuten die 15 Sekunden die Chance, mit einem vier- statt dreistelligen Honorar wegzukommen.

"Ich werde Sie prognostizieren." Sagt der öffentlich-rechtliche Redakteur zum frischen Freien. Kein rundfunkpolizeiliches Führungszeugnis steht da bevor, sondern ein arbeitsrechtliches Konstrukt: Der Sender sagt voraus, daß er den Mitarbeiter an maximal acht Tagen im Monat beschäftigen wird; erteilt ihm die sogenannte "Achttageprognose".

In den siebziger Jahren hatte es legendäre Einklagungswellen gegeben, als vermeintliche Freiberufler vor Gericht nachwiesen, daß ihnen der Sender nicht mal Zeit ließ, sich anderswo zu bewerben. Daß sie gewohnheitsrechtlich Schreibtische nutzten in der Redaktion, daß sie sozial abhängig waren vom Arbeitgeber.

In den Neunzigern hat der Freie Journalist - man schreibt das Adjektiv gern groß, als sei man so etwas wie eine moderierende Hansestadt - tatsächlich eine Auswahl zwischen verschiedenen Arbeitgebern. Hat man beim einen Sender "die Prognose verzockt", geht man zum nächsten; es sei denn, der will einen gar nicht. Theoretisch sichert sich etwa der WDR mit diesem Konstrukt vor dem Fleiß erfolgreicher Mitarbeiter; weniger gefragte kommen mit acht Tagen hin.

Praktisch erzeugte der langjährige Brauch eine alchimistische Geheimwissenschaft der atomisierten Arbeit. Da wurde angemeldet, an einem Tag recherchiert, gedreht, geschnitten und getextet zu haben, damit die Arbeit eines Monats in die Arbeitszeit einer Woche paßt. Würde man so arbeiten, wie man es abrechnet, würde man bald nichts zu arbeiten mehr bekommen. Im Büro warnt der Redakteur: "Sperre droht!", in der Kantine raunt er, wie man sie umgeht. Andererseits gewährt der Sender Urlaubs- und Krankheitsgeld, um - Zuckerbrot und Peitsche - dem Mitarbeiter das Dasein als Freier attraktiver zu machen.

Qualität wird mit Sperre bestraft

Nun forsten Finanzämter und neuerdings auch der Gesetzgeber nach den "Scheinselb-ständigen". Wohl getan! riefe man noch beherzter, wenn es nicht das Loch in der Rentenkasse wäre, das nach neuen Beitragszahlern suchen läßt. Längst hat sich eine Kleinstindustrie von Journalistenfirmen gebildet, die versuchen, Werkstücke statt nackter Arbeit zu verkaufen, um für die Qualität ihrer Produkte nicht mehr mit Sperre bestraft zu werden.