Es war der Weltbürgersteig, auf dem er das Gespräch suchte. Lieber sprach er mit den Menschen als zu ihnen, er lieh jedem sein Ohr und spielte sich nicht als Eiferer auf. Was er sagte, war Einsichten abgelauscht. Wenn er predigte, schien hinter jeder Mahnung die Möglichkeit zur Umkehr auf. In Lord Yehudi Menuhin, der jetzt im Alter von 82 Jahren gestorben ist, hat uns ein Weltbürger verlassen. Zum Glück können wir uns an seine Musik halten, wir eilen zum Schrank und holen jene Bach-Aufnahme hervor, zu der sich der Geiger Yehudi Menuhin und der Pianist Glenn Gould am 18. Mai 1966 live im Fernsehstudio trafen (und die wie so viel gute Aufnahmen heute allenfalls noch auf Umwegen erhältlich ist): die c-moll-Sonate BWV 1907.

1. Satz, Largo, c-moll. Die Welt ist still, die Geige beginnt aus dem Nichts eine Erzählung. Melodie oben, Begleitung unten. Die Geige könnte sich sogleich forttragen lassen, flöten und lerchen, sie könnte ein kleines, schwermütiges Paradies auftun. Menuhin hingegen hebt nicht ab, sondern reflektiert Bachs Schlichtheit, bleibt im Gespräch. Er weiß vom ersten Takt an, daß er überhaupt nur durch den anderen existiert. Den Pianisten macht er nicht zum Gehilfen, sondern so sehr zum Partner, daß selbst Glenn Gould hier zutraulich wird. Es muß bei der Probe Wunderbares geschehen sein.

Vermutlich war es damals Menuhins reiner, ein wenig kindlicher, unbescholtener Geist, der Gould ansprang. Einfach daherkommen, unverstellt, ohne Allüren, ohne die Geste des besserwissenden Virtuosen: Menuhins Geigenspiel machte immer große Augen und guckte sich staunend, doch nicht unreif die Welt der Musik an. Als der Dreizehnjährige in Berlin unter Bruno Walter an einem einzigen langen Abend die Violinkonzerte von Bach, Beethoven und Brahms gespielt hatte, war es um ihn geschehen. Der Scheue wurde als Wunderkind umarmt und geriet weltweit ins Gespräch, gegen das er sich nicht wehren konnte. Doch das Kind in sich zu leugnen, weigerte sich Menuhin. Er gab weitere Konzerte, stellte sich auf berühmteste Podien und wollte durch seine Geige reden, wollte an die Hand genommen werden. Manche Handreichungen - solche handwerklicher Art - hätte er brauchen können. Warum? Davon später, doch zunächst:

2. Satz, Allegro, c-moll. Wieder ein Stück mit drei Stimmen. Gould hat zwei äußerst selbständige, Menuhin bloß eine, doch hält er nur dann dagegen, wenn Bachs Kontrapunkt das erlaubt. Nicht aus Edelmut, sondern aus Einsicht läßt er Gould manchmal den Vortritt, die Geige hört dann zu, sie respektiert und atmet mit. Wenn man so will, hört man hier paradigmatisch Menuhins Willen zur Toleranz.

Die Gabe, zuhören zu können, besaß Menuhin, bevor er die andere entwickelte: selber sprechend auf seine Zuhörer zuzugehen. Aus der Offenheit sprach Skepsis gegenüber jeglicher Gewißheit, vorurteilsfreie Vorsicht gegenüber den Urteilen. Er wollte die Welt und das, was in ihr passierte, von allen Seiten kennenlernen, nicht nur Visiten abhalten. Als er 1947 wieder in Berlin gastierte, als erster Amerikaner nach dem Krieg, als Jude und noch dazu mit Furtwängler, wußte Menuhin genau, warum er es tat: nämlich aus der gleichen fragenden humanistischen Gesinnung heraus, die ihn wenige Jahre zuvor mit der Geige zu den alliierten Truppen geführt hatte. Er glaubte, daß alles Geschichtliche weit mehr als nur eine einzige Dimension und Perspektive besäße. Und im zeitlichen Schnittpunkt dieser Auftritte: sein Musizieren vor den Überlebenden der Konzentrationslager Bergen-Belsen, Buchenwald und Dachau. Diese Gabe, schier allen Seiten, ohne Ansehen der Person, sein Ohr, sein Wort und das Spiel seiner Violine leihen zu können, sollte ihn lebenslang davor bewahren, als bloßer Gutmensch und lächelnder Wohltäter abgetan zu werden.

3. Satz, Adagio, Es-Dur. Jetzt verhilft kein motorisches Tempo mehr zur Einigkeit, jetzt sind die Instrumente völlig unabhängig voneinander, rhythmisch und thematisch. Eine Charakterfrage. Menuhin wählt in schier beängstigender Musikalität den richtigen Weg. Er webt seine Stimme als Schleier, der sich sanft und breit über die Musik legt. Zugleich wird der Schleier zum Teil von ihr. Goulds unerhörtes Gleichmaß, sogar sein notorisches Mitbrummen fügen sich zu einer kammermusikalischen Dichte, in der sich das Es-Dur alsbald elegisch verschattet. Nun ist die Atmosphäre einzigartig. Sie changiert zwischen Stimmungen. Dabei kommt es, wie nebenbei, zu kleinen Unachtsamkeiten. Der Geiger Menuhin galt nie als Inbegriff des Perfekten. Die Karriere hatte zu früh begonnen, die Technik war längst nicht austrainiert. Doch schienen angerutschte Noten, unkontrolliertes Vibrato oder leicht mißglückte Lagenwechsel bei ihm keinerlei Zerknirschung hervorzurufen. Möglicherweise beförderte gerade der Verzicht auf die Korrektur das Geheimnis des Menuhinschen Geigentons, der sich stets trocken am Moment entzündete und doch seine Sehnsucht äußerte - wie in diesem Adagio. Vielleicht wollte Menuhin gerade das eigene Anfechtbare seinem ganzheitlichen, auf Versöhnung der Widersprüche ausgerichteten Weltbild nicht ausgetrieben wissen.

4. Satz, Allegro, c-moll. Jetzt darf es erneut schnell zugehen. Bei den beiden wird es aber experimentell. Menuhin arbeitet, ohne daß die Geige klirrt oder die Linie verliert. Er läßt sich von Gould anstiften, seine Linien sehr nervös zu vernähen. Es liegt etwas Zielloses in dieser vorantreibenden Flüchtigkeit, doch nicht nur. Nach bewußt geträumtem Gesang, polyphoner Etüde und melancholischer Süße haben die beiden nun Freiheit und Spaß daran, die Materie knirschen und stauben zu lassen. Ausprobieren, Erlebnishunger. Das Denkbare riskieren und nicht nachdenken, daß das Ebenmaß leiden könnte. Darüber geht das Stück im Einklang von Yehudi, Glenn und Johann Sebastian zu Ende: ein einziges C, oben, in der Mitte, unten. Danach nur noch Bandrauschen. Ende.

Menuhin hat im Leben vieles ausprobiert. Er spielte mit Stéphane Grappelli und Ravi Shankar, begann zu dirigieren, gründete Festivals, forschte, lehrte, lernte, lieh der Ökologie sein Herz und dem Pazifismus seine Stimme. Außerdem müsse man den "richtigen Gott in sich" suchen, sagte er einmal. Er tat alles schier simultan, denn er hatte nur dieses eine Leben und keinen fünften Satz mehr.

Yehudi Menuhin war der einzige bedeutende Geiger, mit dem Glenn Gould je im Duo musiziert hat. 1967, wieder im Mai, widmete er Menuhin sogar eine Einführung zu einer Radiosendung, die dessen gesamte Diskographie zum Inhalt hatte, und sendete eine Aufnahme des 16jährigen von Elgars Violinkonzert - ein Werk, das Menuhin, wie alles andere auch in seinem kostbaren, erfüllten Leben, sehr geliebt hat. Diese Liebe hat ihn durchs Leben getragen. Vor allem zu uns. Yehudi Menuhin, geboren am 22. April 1916 in New York, starb am 12. März 1999 auf einer Konzertreise, in Berlin.