Als Paris im vergangenen Sommer aus dem Schlaf erwachte, stellte es, sich die Augen reibend, mit Erstaunen fest, daß die Modewelt gebannt auf London und seine ideensprühenden Jungdesigner blickte, daß ringsum jeder fasziniert vom amerikanischen Marketing sprach ...

Höchste Zeit, wach zu werden. Pikanterweise war es der Volkssport Fußball, der in dieser Situation dem gallischen Nationalbewußtsein zu turbomäßigem Antrieb verhalf. Inzwischen holt Paris kräftig auf, besinnt sich des kreativen Potentials, welches viel zu lange geschlummert hat, und läßt ganze Straßen voll interessanter Kunstgalerien entstehen. Schräge Boutiquen wie L'Epicerie und schräge Viertel wie Les Quais d'Austerlitz ziehen wieder die Trendscouts aus aller Welt an.

Gilles Dufour, der ehemalige Direktor von Chanel, gab sein Debüt bei Pierre Balmain, Nina Ricci plante mit Nathalie Gervais die radikale Verjüngungskur fürs Haus, Ronald van der Kemp löste bei Guy Laroche Alber Elbaz ab, der die wohl schwerste Aufgabe auf seine Schultern geladen hat, indem er das Zepter des Sonnenkönigs Yves Saint Laurent für die Rive-Gauche-Kollektion übernahm.

Diesem kleinen Moment der Modegeschichte fieberte natürlich alles entgegen. Als sich die ersten Eindrücke über die metallene Laufstegbrücke vermittelten, stellte sich jedoch unerwartet Ernüchterung ein. Auf Alber Elbaz, der das gewisse Etwas ja durchaus zu verleihen vermag, lastete deutlich das Gewicht der vielen im Hausarchiv zugebrachten Stunden. Zu zaghaft spielte er mit der unverwechselbaren Matisse-Farbpalette. Er zeigte ganze elf Hosenvarianten, dazu Saint Laurents größte Erfolge, witzig abgeändert, als Oberteile.

Für Givenchy fusionierte "Alexander der Große" sein Talent als genialer Showmaster mit einer ultramodernen Variante des klassischen Givenchy-Stils. Für die Dauer der Schau wurde das Publikum zum Raumschiff Enterprise gebeamt. Eine Computerstimme forderte die Gäste auf, Platz zu nehmen und die Handys abzustellen. Auf einer riesigen Spiegelfläche, die als Runway diente, landeten die ersten Models in den Hosenanzügen mit der rasierklingenscharfen Givenchy-Handschrift. Unter dem Revers glitzerten delikate Perlenstickereien, die einem Computerchip nachempfunden waren. McQueen zog den Models kurzerhand das Fell über die Ohren und steckte sie in Pelzkleider, mit dem kuscheligen Fell nach innen.

Blickt man in die Pässe Pariser Designer, wird einem schnell bewußt, mit welcher multikulturellen Schar von hochkreativen Leuten man es hier zu tun hat. Aber gerade das macht ja die Anziehungskraft dieser Stadt aus - heute wie eh und je. Schließlich war Worth schon so britisch wie Galliano heute, Balenciaga spanisch, Miyake japanisch ...

Bei der Vielzahl der Präsentationen auf dem offiziellen und inoffiziellen Kalender kommt es zwischen etablierten Designern und denen, die es noch werden wollen, zu einem regelrechten Tauziehen um Einkäufer und Presse. Die Entscheidung fällt immer schwer - wer will schon das Auftauchen eines neuen Sterns am Himmel der Mode verpassen? Die Liste der Bewerber um den Aufstieg zum Olymp ist lang: Ralph Kemp, Sharon Wauchob, Jérôme Dreyfuss, Veronique Branquinho... Im Übereifer der Talentsuche stürzen sich die Modemacher schon auf Design-Küken, die dann oft dermaßen manipuliert und unter Erfolgsdruck gesetzt werden, daß sie frühzeitig daran scheitern. Schön für Oliver Theyskens, daß Madonna ein Kleid bei ihm bestellt hat, aber der junge Belgier ist sichtlich noch dabei, sich von den Hausaufgaben zu lösen.