Damals war es die einzig angemessene Form der Annäherung: Als Olaf Cord Dielewicz 1961 Flensburg kennenlernte, kam er per Schiff - als Marinesoldat. Denn Deutschlands nördlichste Stadt war geprägt vom (Militär-)Hafen. Inzwischen ist Dielewicz dort seit 16 Jahren Oberbürgermeister. Und die Bundeswehr zog am 30. September vergangenen Jahres auch ihr allerletztes Kriegsschiff ab. Tags darauf erklärte der zukunftsorientierte SPD-Mann: "Nach hundert Jahren Marinehafen wünschen wir uns jetzt ein Jahrhundert der Telekommunikations-Industrie." Die Chancen stehen gut. Seit Anfang Februar laufen in dem Neubau, den der US-Konzern Motorola am Stadtrand errichtet hat, täglich Tausende von Handys vom Band. Über 2000 Arbeitsplätze haben die Amerikaner insgesamt geschaffen - in Flensburg statt in einem Billiglohnland.

"Natürlich war es eine schwierige Entscheidung, 500 Millionen Mark in den Standort Deutschland zu investieren", gibt Motorola-Geschäftsführer Bent Andersen zu, der das neue Werk leitet. Von General Electric übernahmen die Amerikaner schon 1986 eine Fabrik in Flensburg, in der 800 Mitarbeiter Funkgeräte und Autotelefone herstellten. Bis 1992 sank die Belegschaft auf 400 Beschäftigte. Seither aber geht es bergauf. Zuletzt produzierte Motorola, verteilt auf die ganze Stadt, in vier Hallen.

Über dem Maschinenpark in der neuen Produktionshalle leuchten rote Digitalanzeigen. Sie dokumentieren, wie viele Handys bei jeder einzelnen der 13 Produktionsstraßen in dieser Schicht vom Band gelaufen sind. Nicht, daß die Mitarbeiter im Akkord schaffen würden. "Aber sie sollen immer wissen, wo sie stehen: ob sie gut arbeiten oder schlecht", erklärt Werksleiter Andersen. Gut ist, wenn eine Produktionslinie rund 2000 Telefone pro Tag ausspuckt.

In der Konzernzentrale in Illinois ist man mit dem Output anscheinend zufrieden. Denn daß die Flensburger Motorola-Crew besonders effektiv arbeitet, gab letztlich den Ausschlag für die Mammutinvestition. Der amerikanische Konzern hätte genausogut eine seiner beiden Werke in den Vereinigten Staaten, die schottische Dependance oder auch die chinesische ausbauen können. Doch im konzerninternen Vergleich der Standorte schnitten die Deutschen besonders gut ab. Norbert Quinkert, Vorsitzender der Geschäftsführung bei der deutschen Motorola GmbH: "Deutschland bietet durchaus Vorteile, etwa die gut ausgebildeteten Arbeitskräfte und die hohe Produktivität."

Tatsächlich hatten die Flensburger über Jahre hin die besten Produktivitätszahlen in Illinois vorgelegt. Ein hiesiger Arbeiter, so zeigte sich, stellt pro Jahr zum Beispiel 20 Prozent mehr Handys her als ein Mitarbeiter in China. So stockte Motorola die norddeutsche Belegschaft im Laufe der Zeit schon beträchtlich auf. Und krönte sein Engagement 1996 mit der Entscheidung zum Neubau. Dem Wall Street Journal war dieser Erfolg der deutschen Motorola-Mitarbeiter sogar eine große Geschichte auf der ersten Seite wert. Der ambivalente Titel: Ubermenschen - auf deutsch, wenn auch ohne Pünktchen.

Auch ungelernte Kräfte haben die Chance auf einen Job

Nicht nur die Chinesen mit ihren niedrigen Löhnen haben die Flensburger bei der Standortwahl aus dem Feld geschlagen, sondern auch die Schotten - die den Investor, wie Oberbürgermeister Dielewicz stolz anmerkt, mit wesentlich höheren Subventionen locken wollten. Doch auch die Deutschen ließen sich nicht lumpen. Mit über 50 Millionen Mark halfen sie der Entscheidung nach. Denn die Arbeitslosigkeit in Flensburg, die 1993 bei 10,6 Prozent lag, ist seit dem Abzug der Marine hochgeschnellt; derzeit beträgt sie 16 Prozent. Deshalb habe das Land Schleswig-Holstein einen deutlichen Schwerpunkt gesetzt und die höchstmögliche Förderung aus den Töpfen der Gemeinschaftsaufgabe zur Förderung der regionalen Wirtschaftsstruktur (GA) lockergemacht, erzählt Dielewicz. Im Förderantrag war damals von 1200 zusätzlichen Arbeitsplätzen die Rede - eine Zielvorgabe, die Motorola schon jetzt weit übertroffen hat. Nun sollen nochmals 200 Leute eingestellt werden. Und das, obwohl ein Großteil der Produktion automatisiert ist.