Müssen wir diese Geschichte wirklich noch einmal lesen? Natürlich nicht. Wir haben sie gesehen, verdaut und wiedergekäut. Wir haben den Starr-Report, das Clinton-Video, den Senatsprozeß und etwa 10 000 Zeitungskommentare hinter uns, und wir brauchen Ruhe. Aber die gibt es nicht, solange nicht irgend etwas anderes Medientaugliches passiert - ein Krieg, eine Epidemie, eine Invasion vom Mars - und solange Monica Lewinsky ihre Anwaltskosten nicht wieder eingetrieben hat. Sie hatte den Spott, jetzt macht sie den Reibach.

Was fehlt denn noch nach all den Beichten, den Tränen, den Schwüren? Ganz klar: ein Bußgottesdienst. Für den ist Andrew Morton, der schon Prinzessin Diana von Wales zur Heiligen hochgebetet hat, der richtige Mann. Die Marschrichtung von Mortons Predigt ist klar: Völker, schaut auf dieses Weib - und wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Scheck. Alle anderen dürfen 40 Mark bezahlen, um in Mortons Himmelreich zu kommen, wo Monica zur Linken des Präsidenten sitzt.

Mit 21 Jahren kommt Monica Lewinsky als Praktikantin ins Weiße Haus. Nach ein paar Tagen sieht sie den Präsidenten von nahem: Er "verströmt eine sexuelle Energie". Wenig später gibt er ihr "den vollen Bill Clinton ... Er zog mich mit seinen Augen aus." Am 15. November begegnet sie Clinton im Büro seines Stabschefs. Sie hebt ihre Jacke an und zeigt ihm einen Teil ihrer Unterwäsche. Wenig später folgt sie ihm in sein Büro und befriedigt ihn. Sie erzählt ihren Eltern, Freundinnen und einer Kollegin von der Affäre. Als Clinton das Verhältnis beendet, bombardiert sie seine Sekretärin mit Anrufen, monatelang. Ein Backfisch auf Abwegen? Nebbich. Dieses Mädchen wollte keinen Mann - es wollte den Präsidenten.

Morton weiß das, aber er darf es nicht sagen. Deshalb verbirgt er seine Wahrheit hinter Wolken von Betroffenheitsprosa. Solange er Monica Lewinsky allein reden läßt, sind seine Aufzeichnungen entlarvend genug: "Es erinnerte mich an das Tagebuch der Anne Frank " (nach der Begegnung mit Kenneth Starrs Ermittlern), "Ich fühlte mich wie Hitlers Hure" (nach dem Beginn des Medienrummels), "Wie finde ich jetzt noch einen Freund?" (nach der Aussage im Senatsprozeß). Aber je länger das Buch dauert, desto öfter stimmt Morton in den Ton dieser Suada mit ein. Schließlich nennt er Monica "die am meisten gedemütigte Frau der Geschichte" und den "mondgesichtigen" Starr "die Personifikation des Big Brother aus Orwells Zukunft". Wenn Andrew Morton in einem Jahr sein Buch noch einmal mit nüchternen Augen liest, dann wird er sich für diese Sätze schämen. Im Grunde haben sich bei Monicagate alle Beteiligten gegenseitig verdient: Clinton und Starr, Tripp und Lewinsky, Ruff und Hyde, Larry King und Larry Flint. Jetzt hat Morton, ganz Kavalier und Schreibsoldat, das Mädchen mit den Rosenmustern reinzuwaschen versucht. Aber seine Prosa bekommt den Dreck nicht ab. Sie parfümiert ihn bloß.