Familientreffen vor dem Richter: Catherine Laylle, die in London lebende Mutter, sah ihre Kinder zum ersten Mal nach Wochen der Trennung im Gerichtssaal von Verden wieder. Der deutsche Vater hatte die sieben und neun Jahre alten Söhne Alexander und Constantin entführt. Frau Laylle stürzte auf die beiden zu, um sie in die Arme zu schließen. Doch der ältere stieß sie von sich - mit seiner Mutter wollte er nichts mehr zu tun haben.

Bis zu den Sommerferien des Jahres 1994, als die Entführung das Band zwischen ihr und den Kindern zerriß, war Catherine Laylle die geliebte Mutter gewesen. Doch nachdem die beiden Kinder für ein paar Monate ausschließlich mit dem Vater zusammengewesen waren, wollten sie von ihr nichts mehr wissen. Schlimmer noch: Die Richter deuteten das Votum der Kinder als Zeugnis ihrer wahren Gefühle. An die Gründe für den Riß zwischen Mutter und Kindern verschwendeten sie keinen Gedanken, sondern entschieden vielmehr im Sinne des Vaters, die Kinder sollten nunmehr bei ihm in Deutschland bleiben.

Die Ausgrenzung des einen Elternteils - meistens des Vaters - ist häufig angewandte elterliche Praxis vor, während und nach Sorgerechtsstreitigkeiten. PAS bedeutet die kompromißlose Zuwendung eines Kindes zum "guten" und geliebten Elternteil und die ebenso kompromißlose Abwendung vom anderen, dem "bösen" und gehaßten - ebenjenem, mit dem das Kind nicht mehr zusammenlebt, der nur Umgangsrecht hat oder darum kämpft.

Die amerikanischen Autoren Stanley S. Clawar und Brynne V. Rivlin beschreiben diesen Vorgang mit Begriffen wie "Programmierung" und "Gehirnwäsche". Hierzulande hat die Freiburger Psychologin Ursula O. Kodjoe das Thema PAS in der Fachzeitschrift Amtsvormund aufgegriffen. Am Rande einer Tagung über Psychologie im Kindschaftsrecht in der Akademie Bad Boll berichtete sie erstaunt von der Geschwindigkeit, mit der Programmierung funktioniert. So grüßten die sieben, neun und zwölf Jahre alten Kinder eines Juristen am Kaiserstuhl nur drei Wochen nach der Trennung der Eltern die in derselben Straße lebende Mutter nicht mehr. Noch absurder ist der Fall der fünfjährigen Alina, Tochter eines badischen Arztehepaars, die ihren Vater nur gemäß der Besuchsregelung des Gerichtes, nämlich samstags von 14 Uhr bis 16 Uhr und sonntags von 10 Uhr bis 16 Uhr, besuchen, aber nicht bei ihm übernachten durfte - obgleich beide Parteien im selben Haus wohnten.

Die Väter und Mütter, die ihre Kinder in dieser Weise programmieren, sind im übrigen ganz normale Eltern, die ihre Kinder lieben und von ihnen geliebt werden wollen. Sie sind nicht zu verwechseln mit sexuell mißbrauchenden Eltern.

Als Begriff ist PAS in Deutschland noch nicht geläufig, doch kommen Scheidungsopfern die damit beschriebenen Gefühle bisweilen schmerzlich vertraut vor. Ursula Kodjoe berichtet vom Anruf einer Psychoanalytikerin, die ihren Sohn jahrelang nicht gesehen hatte und nach der Lektüre des Aufsatzes erklärte: "Jetzt weiß ich, worunter ich seit acht Jahren leide."

Psychologen, Sozialarbeiter und Juristen, die sich professionell mit Scheidungsfällen befassen, kennen das Szenario gut: Nach der Trennung funktioniert der Kontakt auch mit dem ausgezogenen Elternteil einigermaßen. Doch bald setzen die Verweigerungsrituale ein: Taucht "der andere" auf, ist das Kind krank oder gerade auf einem Kindergeburtstag. Dann beginnt die Buhl-und-Ausstech-Strategie: ihr Kindertheater gegen sein Kino, die Go-kart-Bahn gegen McDonald's.