Wie kommt ein Politiker auf dem Höhepunkt der ihm erreichbaren, ihm zugestandenen Macht dazu, den Bettel Knall und Fall hinzuschmeißen? Die in den ersten Tagen angebotenen Erklärungen haben etwas Plausibles an sich - und reichen doch nicht hin; es gibt für solche - bei aller Kritik an Oskar Lafontaine - letztlich doch auch erschütternden Vorgänge keine einfache oder gar vollständige Erklärung.

Ein Hedonist? Jedenfalls nicht mehr als der andere der Dioskuren, der nun alleine amtiert. Pflichtvergessen? Das sollten jedenfalls nicht jene ihm vorwerfen, die ihn schon lange loswerden wollten. Und wenn er wenigstens wirklich geschwiegen hätte! In der Tat, der Vorwurf mangelnden Mannschaftsspiels ist doch wie folgt zu lesen: Mannschaftsspiel ist, wenn alle auf mich hören - als ob nicht der Kanzler eine eigene verfassungsrechtliche Letztverantwortung trüge.

Der zweite Irrtum: Sein Unverstand in der Stunde der zweiten deutschen Einigung. Die Kosten, ja die Kosten... Um die ging es ihm aber nie wirklich. Denn schon vor der Kostendebatte ließ er im November 1989 erkennen: Er würde die Ostdeutschen lieber fernhalten - weil der Einigungsprozeß die Amtszeit von Helmut Kohl verlängern würde. Was wegen dieser verfehlten Priorität (Machtwechsel für die Westdeutschen vor Freiheit in der Einheit für die Ostdeutschen) auch prompt eintrat. (Erstaunlich ist dabei vor allem, daß Lafontaine dennoch eine dritte Chance bekam.)

Schließlich aber drittens: Die Vorstellung, man könne gegen den Rest der Welt Wirtschafts- und Finanzpolitik betreiben.

Die Ursache dieser Sequenz ist in einem bezeichnenden Genialismus des Autodidakten zu sehen; solche von sich selbst überzeugte Autodidakten neigen dazu, das soeben wider alle Voraussetzungen (und zur eigenen Verblüffung) scharf erkannte Teil aus seinem Zusammenhang zu reißen, die Erkenntnis zusammen mit dem Erkennenden zu überschätzen - und höchst narzistisch zu reagieren, wenn andere widersprechen.

Hoch begabt und doch an der Wirklichkeit gescheitert

Der Physiker Lafontaine brillierte in der Debatte über neue Nuklear-Raketen mit lauter ballistischen Details über Wurfgewichte und Vorwarnzeiten - der sicherheitspolitische Zusammenhang blieb ihm fremd. In der Einheitsdebatte riß er die Kostenfrage aus jedem Zusammenhang - vor allem aus dem der (auch moralischen) Kosten einer jeden anderen denkbaren Politik. Und als autodidaktischer Volkswirt (man denkt fast an F. J. Strauß zurück) fixierte er sich wiederum auf einen allzu isolierten Aspekt, den der Nachfrage. Solche Zusammenstöße vertragen sich nicht mit dem gesteigerten Selbstbild - um so schlimmer für die Wirklichkeit.