Unter den ägyptischen Pharaonen zählt RamsesII. zu den Giganten. 66 Jahre lang, von 1279 bis 1213 vor Christus, saß er auf dem Thron und entfaltete Pracht und Macht im Neuen Reich. In Oberägypten hinterließ er gewaltige Spuren: In Theben sitzt er als kolossale, tausend Tonnen schwere Granitstatue vor seinem Totentempel, dem Ramesseum. In Abu Simbel thront er gleich in vierfacher Ausführung - doch von seiner ehemaligen Hauptstadt Pi-Ramesse in Unterägypten ist heute kaum noch etwas zu sehen.

Seit 1966 arbeiten Archäologen an der Wiederentdeckung dieser Stadt im östlichen Nildelta. Das Los der Siedlungsarchäologen ist dabei das Unspektakuläre: Wo einst die Metropole, das "Haus des Ramses, groß an Siegen", stand, dehnt sich heute eine flache, staubige Landschaft. Nirgendwo bleibt der Blick hängen, nichts läßt altägyptische Vergangenheit erahnen. Doch ein aufsehenerregender Fund des Hildesheimer Ägyptologen Edgar Pusch verlieh der Feldarbeit in Pi-Ramesse kürzlich den lange verdienten Schuß Dramatik. Zwei Tage vor dem Ende der Grabungskampagne kurz vor Weihnachten stieß der Vorarbeiter Salah Ali auf ein hauchdünnes, leicht gerundetes Gebilde im Erdreich. Pusch schabte bäuchlings mit dem Zahnarztspachtel, blies mit dem Haarfön - und legte die umringten Hieroglyphen frei: "Re ist stark an Wahrheit - von Re auserwählt". Vor ihm lag eine Kartusche Ramses'II., das Logo des Pharaos, seine Signatur.

Seit 1980 gräbt Pusch in Pi-Ramesse, nahe der Ortschaft Qantir. Die Archäologen des Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museums erforschen den nördlichen Teil der Stadt, im Süden leitet Manfred Bietak ein Team des Österreichischen Archäologischen Instituts. Langjährige Erfahrung und disziplinierte Arbeit des Teams sind Voraussetzungen für die spektakulären Funde. Doch Edgar Pusch weiß auch um den Beitrag seines launischsten Mitarbeiters: "Kollege Zufall muß dabeisein."

Gold galt den Ägyptern als Element der Wiedergeburt

Der goldene Boden, von dem Pusch 10 Quadratmeter in ausgetüftelten Spezialkisten in Qantir magaziniert, ist Teil eines anderen, mindestens 180 Quadratmeter bedeckenden Belages. Noch ist die Funktion des Bodens unklar. Hinweise auf stützende Säulen fehlen. Lag der Fußboden unter freiem Himmel? Und noch eines ist rätselhaft: Die Umgebung läßt einen Profanbau vermuten, das Gold jedoch signalisiert einen Sakralbereich. Das Edelmetall galt im alten Ägypten als Element der Wiedergeburt - Gold war ein Stück vom "Fleisch der Götter".

Der schimmernde Belag ist einmalig. Nur fünf bemalte Böden fand man in Ägypten, jedoch ohne Goldeinlage. In Pi-Ramesse wurde auf einer ersten Schicht gestampften Lehms eine Art Stuckschicht aufgetragen. Einer zweiten Stuckschicht wurde das Gold beigemischt, dann wurde der Boden bemalt und mit Goldmustern verziert. Die Analyse der Schichten beweist, wie ökonomisch das wertvolle Metall genutzt wurde: Bei dem göttlichen Metall im Boden handelt es sich um Feilstaub, um Späne anderer Arbeiten - eine Art sakrales Recycling.

Die neuen Funde fallen zusammen mit den magnetischen Messungen der Bodenschichten, die seit einiger Zeit in Qantir mit großem Erfolg durchgeführt werden. Helmut Becker und Jörg Faßbinder vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege laufen in präzisem Schritt mit einem Cäsium-Magnetometer über die Felder. Das Auge sieht nur Lehm in Lehm - doch die Magnetwerte der luftgetrockneten Lehmziegel und des Lehmbodens differieren so stark, daß das Meßgerät die Strukturen auflösen kann. Auf den Aufnahmen des Geräts werden die Bebauungen der Ramsesstadt zum Teil atemberaubend deutlich.