Bonn

Die Ökonomie hole sich "gegenwärtig unter dem Beifall der Experten zurück, was die Politik ihr in zwei Jahrhunderten abgerungen hat". So befand kürzlich Wilhelm Hennis mit Blick auf die globalisierte Wirtschaft.

Gerhard Schröder wollte das im Prinzip fortsetzen, Oskar Lafontaine nicht. Das macht schon die ganze Differenz aus. Jetzt muß der Kanzler minus Lafontaine den neuerlichen Neuanfang wagen. Eine zweite Chance? Ob man nun zuversichtlich oder skeptisch in die Zukunft blickt - die Zäsur ist groß. Der Rückzug, das war Lafontaines wirklicher Putsch.

Was den Primat der Politik angeht, muß man an eine kleine Szene erinnern. Ort: Die Landesvertretung Saarland in Bonn. Teilnehmer: Herr Schröder und Frau Köpf, Herr Lafontaine und Frau Müller. Essen und Wein: herausragend. Bei der Gelegenheit wollte der Parteivorsitzende und Finanzminister dem Kanzler klarmachen, er müsse eine Vorstellung davon entwickeln, wie die Bundesrepublik in zehn Jahren aussehen solle. Es reiche nicht, bloß auf die nächsten zehn Tage zu blicken.

Öffentlich widersprach der Kanzler so scharf wie nur denkbar. Weil man Wahlsiege nicht als Ausdruck gesellschaftlicher Macht mißverstehen dürfe, müsse man eine Politik betreiben, "die so tut, als wären jeden Sonntag Neuwahlen" (Welt am Sonntag). Das war mehr als reiner Pragmatismus, es war die Abdankung von Politik, die sich da ankündigte.

Folgenreich ist das Stühlerücken im Kabinett nicht, weil Oskar Lafontaine geht und Hans Eichel kommt. Der kann die Sache schon meistern, obwohl Kabinettskollegen blaß werden, wenn sie an den Haushalt 2000 nur denken. Ein Abgrund! Aber Lafontaine war die Chiffre nicht für eine linke Politik, sondern zunächst einmal für die Renaissance von Politik überhaupt. Das meint in seinem Fall das Wort vom Primat. Wer bringt das politische Temperament und den Willen ein, wer denkt in langen Linien für eine Regierung, die selbst in den Augen ihrer fähigsten Minister über kein wirkliches Zentrum verfügt?

Schröders Stil erinnert an spanische Telenovelas