Robert Silvers ist ein ernster Mensch. Im Dämmerlicht seines unaufgeräumten Studios in Cambridge bei Boston sieht der zierliche Mann mit dem tiefschwarzen Dreitagebart ein wenig aus wie jener Künstler, der sich Prince nannte. Silvers ist 30 Jahre alt, trägt schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt und blickt mit großen dunklen Augen in die Welt. Konzentriert und leise spricht er über seine Arbeit: "Die Fotomosaikmethode ist für mich wie ein Kind."

Seine Bilder sind für das Computerzeitalter, was die Heiligenbilder in den Fenstern gotischer Kathedralen fürs Mittelalter waren: Sie wurden aus knallbuntem Glas zusammengesetzt und leuchteten wie Bildschirme. Robert Silvers erschafft die Ikonen des 20. Jahrhunderts aus Unmengen digitaler Fotos - sie sind Symbole der Computerrevolution. Für eine Kampagne der Firma MasterCard entwarf er einen Dollarschein aus tausend Kreditkarten. Ein Bill-Gates-Porträt komponierte er aus bunten Geldscheinen, Elvis Presley aus Briefmarken, ein Playboy- Cover aus Pin-ups. Er produzierte buntkarierte Titelseiten für Newsweek, Geo, Sports Illustrated und Plakate für den Film The Truman Show.

Erfunden hat er seine Methode vor vier Jahren, als er noch Student am Massachusetts Institute of Technology (MIT) war. Eine seiner ersten Übungen wurde in einem Rundschreiben des MIT versandt, erreichte so unter anderem die Redaktion der Zeitschrift Wired, die bei ihm prompt ein Titelbild in Auftrag gab: ein Porträt des Cyber-Vordenkers Nicholas Negroponte, zusammengesetzt aus 34 mal 43 Bildquadraten. Die Schlagzeile "Being Digital", brachte die Anmutung des damals ziemlich sensationellen Bildes auf den Punkt: ein Gesicht, digitalisiert, fragmentiert - aber eben gerade noch menschlich. Für das Magazin Life setzte Silvers kurz darauf Marilyn Monroe aus Life- Titelseiten zusammen, gewann damit mehrere Auszeichnungen und kann sich seitdem vor Aufträgen kaum retten.

"Nach dem Life- Cover beschloß ich, daraus meine Abschlußarbeit zu machen", sagt er ganz ohne Ironie. "Am Montag nach meinem letzten Studientag begann ich in meiner eigenen Firma zu arbeiten." Dieser gab er den Namen Runaway Technology, dem Fotomosaikprojekt eine Lebenserwartung von "vier, fünf Jahren". Die sind fast abgelaufen, aber sein Geschäft expandiert weiter. 1997 machte er 1,3 Millionen Dollar Umsatz, voriges Jahr wuchs seine Firma im Durchschnitt jeden Monat um 47 Prozent. Das meiste Geld bringen Werbeaufträge, aber auch das Merchandising - Poster, Kaffeetassen und Puzzles - verkauft sich bestens.

Silvers schafft es, den permanenten optischen Overkill, die heillose Fragmentiertheit unserer Wahrnehmung in ein sinnvolles Ganzes umzuformen, und das hat etwas merkwürdig Wohltuendes - zumindest auf den ersten Blick. Bei näherem Hinsehen treiben seine Bilder den Overkill in neue Dimensionen. Silvers hat eine einfachere Erklärung für die Beliebtheit seiner Werke: "Die Leute gucken sich gern Bilder an" - ein Ausspruch von Warholscher Größe.

Silvers sagt: "Jetzt bleibt mir nur eines: große Kunst machen." Aber noch ist es nicht soweit. Zur Zeit entwirft er unter anderem Briefmarken "für ein paar Länder, von denen ich noch nie gehört hatte". In Deutschland bringt der Spieleverlag Ravensburger sechs Silvers-Mosaike als Puzzles auf den Markt. "Jeden Monat", sagt Silvers, "passiert eine neue Überraschung." Manchmal allerdings auch eine böse. Eine aufmüpfige kleine Computerfirma aus Hamburg namens ParisGrey will ihm das Mosaikmonopol streitig machen - sie bietet Fotomosaiksoftware für den Hausgebrauch an. Silvers ist darüber sehr erbost. "Zum Glück", sagt er, "habe ich vor ein paar Jahren ein weltweites Patent beantragt. Ich werde diese Firma stoppen."

Man kann nur hoffen, daß Robert Silvers dann doch noch etwas Sinn für Ironie an den Tag legt, als er am Ende des Interviews vorschlägt: "Um Imitatoren abzuschrecken, kann ich dir ja jetzt noch meine Waffensammlung zeigen." Ja, klar, gern. Im Ernst?