Ich weiß nicht mehr, wie ich von Tegel in meine Wohnung geraten bin. Auf Flügeln? Schwimmend? Tauchend? Strauchelnd? Drei Silben jedenfalls haben mich beschwingt: Ta-ma-ra, eine davon, nein die zweite Hälfte der zweiten und die erste der dritten, das Herzstück also, teilen wir: -ar. Edg-ar, Tam-ar-a. "Wodk-ar", hatte sie im Flugzeug dazugedichtet (für eine Russin sprach sie ausgezeichnet deutsch!) und sich mit ihrem weichen, großen, russischen Körper vor Lachen an mich gedrückt. Die Spuren von ihrer Wimperntusche und ihrem Lippenstift am rechten Ärmel meines Jacketts beweisen mir, daß ich nicht geträumt habe, außerdem nistet in den Fasern auch noch ein schwacher Geruch nach... Ja, nach was? Ich glaube nach Zuversicht. Seit Jahren habe ich das nicht mehr gerochen, Verlust allenthalben, Entfremdung (Xenia) und Scheitern. In der ungelüfteten Wohnung auf Anrufe gewartet, Nägel gebissen, mich gefühlt wie ein aus dem Verkehr gezogener wertloser Geldschein. Und wahrscheinlich auch so gerochen und ausgesehen, ungepflegt, morsch, mürbe.

Am Morgen nach dem Flug von Genf nach Berlin bin ich aufgestanden, habe Un gelato al limon von Paolo Conte aufgelegt (ein Geschenk von Xenia, die fließend italienisch spricht und mir empfahl, wenigstens beim Zuhören etwas aufzuschnappen, weil ich doch gewiß nicht zu den unbedarften Hammeln zählen wolle, die, kaum in Italien, zu stammeln beginnen). Doch, Xenia, das will ich! Und zwar mit Tamara. Und Jakob. Aber das hat Zeit.

Dann habe ich eingekauft, unsinnig viel, Frisches, Buntes, Wohlriechendes. Tamara hat Appetit. Ein schöner Satz. Als ich wieder zu Hause war, sagte ich ihn unter der Dusche vor mich hin: "Tamara hat Appetit", bis ich mich regelrecht daran besoffen hatte. Vielleicht steckt ja doch ein Künstler in mir?

Mittags habe ich mit Harald telefoniert, der nicht glauben wollte, daß ich es war am anderen Ende der Leitung. "Du hast eine völlig veränderte Stimme!" sagte er, und ich erwiderte lachend: "Reisen bildet eben nicht nur." Er wurde sehr neugierig, fragte nach Genf und der Stiftung und dem Anrufer. "Schnee von gestern", beschied ich ihn, "dunkelgrau." Wir redeten noch ein wenig, ich ausweichend, er hartnäckig, schließlich mischte sich noch Gerda ein, die mitgehört hatte (eine schreckliche Angewohnheit vieler Paare). "Bist du verliebt?" fragte sie im Ton eines Kriminalkommissars, der das nahe Geständnis wittert. "Seit wann fährt man in die Schweiz, um sich zu verlieben?" sagte ich leichthin und legte auf.

Dann aß ich zwei wunderbar glitschige Litschis, trank einen Orangensaft und schaute mich in meiner Wohnung um: Pflanzen fehlten noch. Wenn Tamara käme, morgen oder übermorgen, dann mußte es etwas Blühendes, Üppiges geben. Tamara und Kargheit paßten nicht zusammen, Tamara war Verschwendung, Überfluß und Extravaganz, allerdings ohne Messingschwäne und Manufactum-Edel-Trödel. Eher erdig, Richtung geschmacklos. Angenehm geschmacklos. Einfach frei. Wer so lachte wie sie, der mußte Menschen hassen, die Sparverträge abschlossen und Sonderangebotsbeilagen aus den Zeitungen aufhoben. Genauso diejenigen, die den Sechshundert-Mark-Rotwein aufmachen, damit sie auch mal eine Eins in Beischlaf kriegen. Oder diejenigen, die nach dem Mondkalender Haare schneiden und Radieschen aus der Erde pulen. Ta-ma-ra war Russin, Ta-ma-ra war so frei.

Ich fuhr also mit dem Taxi in die nächste Gärtnerei und kaufte eine Bananenstaude, einen Philodendron mit so riesigen handtellerförmigen Blättern, daß man ein Baby darin hätte einwickeln können, eine dunkelrote Amaryllis, mit zwei erst halbgeöffneten Knospen, und einen Hibiskus mit pflaumenfarbenen Blüten. Sehr katholisch und sinnlich die Farbe. Der Abend verging mit dem Arrangieren der Pflanzen, ganz und gar unglaublich! Nicht vor dem Bildschirm des Computers und nicht, in ebensolcher Starre, vor dem Telefon. Diese beiden hatten das Koordinatensystem meiner häuslichen Existenz gebildet und waren auf einmal zu gewöhnlichem Inventar geschrumpft. Ta-ma-ra.

Ich hatte Schwierigkeiten, die Himmelsrichtungen zu bestimmen; die blühenden Pflanzen brauchten Süden, Sonne, Licht. Ich überlegte lange, wo, wenn ich im Bett lag, die Sonnenstrahlen einfielen, und ich wußte es erst, als ich, in einem Fotoalbum herumblätternd, auf ein Bild stieß, das mich und Xenia und Jakob (neugeboren) dreieinig im Ehebett zeigte. Selbstauslöserfotos sind immer ein gutes Zeichen. Dann stimmt die Liebe noch.