Es war ein merkwürdiger Rollenwechsel. Lange Zeit galt Oskar Lafontaine als Hedonist, dann plötzlich, seit er den SPD-Vorsitz übernommen hatte, als Kärrner der Partei und Apostel der Sekundärtugenden. Spät, diese Wandlung, so dachten manche, aber immerhin. Doch dann kam vergangene Woche dieser Abgang von der Bühne - als sei alles nur Theater und Inszenierung gewesen. Seither erfüllt der Saarländer wieder das Image von Willy Brandts Enkeln: begabte Sonnyboys allesamt, unernst und launisch.

Eine verwöhnte Generation sind sie in der Tat, die 68er in der SPD. Mehr die Kinder Ludwig Erhards als die Enkel Willy Brandts. In Erhards Wohlstands- und Konsumgesellschaft waren sie groß geworden, in den schö- nen Zeiten üppiger Wachstumsraten. Keine Kohorte im 20. Jahrhundert hatte es leichter als sie. Ihnen stand alles offen, da alles wuchs und gedieh und sich die alte Weimarer Generation allmählich aus den Berufen und Führungspositionen zurückzog.

In den achtziger Jahren stießen sie ganz nach vorn in ihrer Partei. Dabei nutzten sie den Durchbruch der Mediengesellschaft. Allen voran die sozialdemokratischen 68er aus der Provinz, vor allem Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder. In der alten Sozialdemokratie entschieden noch allein die Bataillone der stärksten Parteibezirke oder die Position im Zentrum der Bundestagsfraktion. In der Mediengesellschaft aber zählen die Auftritte vor den Kameras.

Nun interessieren sich die Medien nicht für treue Parteisoldaten. Sie stürzen sich auf die innerparteilichen Frondeure, auf die Kritiker des Programms und des jeweiligen Parteivorsitzenden. Auf dieser Klaviatur des kalkulierten Tabubruchs haben Lafontaine in den achtziger Jahren und Schröder in den Neunzigern erfolgreich gespielt. Die schnelle Provokation hatten sie bereits in den Siebzigern fleißig eingeübt. Nun kam ihnen zupaß, daß man solche Provokationen nicht allzu ernst nehmen, nicht allzu lange ausreizen darf. Denn das langweilt die Medien. Es müssen immer neue Tabubrüche nachgeliefert werden. Lafontaine beherrschte diese Prozedur schon damals virtuos, forderte mal den Austritt aus der Nato, dann deren Ausdehnung bis an den Amur. Er riß Themen an und verfolgte sie nicht weiter. In den achtziger Jahre hat er Anstöße zur Flexibilisierung der Arbeitswelt gegeben. Darum ist es längst still geworden.

Die Medienstrategie der sozialdemokratischen 68er zersetzte alte Loyalitäten in der Partei, dezimierte die klassischen institutionellen Fundamente von Politik. Aber ohne diese Voraussetzungen läßt sich schlecht regieren. Vor allem hat gute Regierungsarbeit dann doch etwas mit Konstanz, Zähigkeit und Zielstrebigkeit zu tun, weniger dagegen mit Sprunghaftigkeit. Ebendas ist das Dilemma von moderner Telepolitik. Die Telegesellschaft präferiert das Flirrende, Abwechselnde und Überraschende.

Bei allem Talent zur medialen Selbstvermarktung unterscheidet sich Gerhard Schröder von seinen Generationsgenossen in einem zentralen Punkt: Er hat sich nie vor der Macht gefürchtet wie zum Beispiel Björn Engholm. Er hat auch nie gezögert, den jeweils nächsten entscheidenden Schritt zur Macht zu gehen, wie häufig genug Oskar Lafontaine. Man kann sich mit guten Gründen fragen, ob Schröder überhaupt eine politische Idee, eine Mission hat, die ihn treibt. Denn erst die Idee erdet den Machtdrang, gibt ihm Perspektive und Stabilität. Doch immerhin: In der Geschichte der deutschen SPD gab es kaum einen zweiten Sozialdemokraten, der so gezielt, instinktsicher, entschlossen und lustvoll an die Regierung gedrängt hat wie Schröder. Auch nicht Helmut Schmidt, erst recht nicht Willy Brandt. Solche Kaliber hat sonst in Deutschland nur die bürgerliche Rechte hervorgebracht. 1995 jedenfalls hätte es niemand für möglich gehalten, daß Schröder am Ende des Jahrzehnts Kanzler und Vorsitzender der Sozialdemokraten sein würde. Er hat Scharping in die Knie gezwungen und Lafontaine aus dem Feld geschlagen. Es zeigt die Härte, die sich hinter seiner telegenen Dauerfröhlichkeit und seinem programmatisch ungenauen Pragmatismus verbirgt. Schröder wird sich nicht kampflos aus dem Kanzleramt verabschieden. Schon deshalb sollte man nicht zu früh Grabreden auf die sozialdemokratisch geführte Regierung verfassen.

Trotzdem sind die meisten Beobachter skeptisch, weil sich die Sozialdemokraten mit diesem Typus Machtmensch traditio- nell schwertun. Man hat die turbulenten Kleinkriege in der Ära Schmidt noch in Erinnerung, diesen Gegensatz zwischen dem kühlen Technokraten an der Spitze der Regierung und der nach programmatischen Visionen sowie reformistischen Aufbrüchen drängenden Basis. Am Ende kam es zum Crash, zur Desavouierung des Kanzlers durch die eigene Partei.