Natürlich trägt die Linke jetzt Trauer und Trotz. Wäre sie sonst noch die Linke? Oskar Lafontaine war ihre Leitfigur, und wenn auch seine Ansichten, jedenfalls außerhalb der politischen Ökonomie, oft so "links" gar nicht waren, so hat er doch darauf geachtet, daß seine Freunde und Gefolgsleute Gehör bekamen und Spielraum behielten. Damit hielt er es wie sein politischer Ahnherr, Willy Brandt, der einzige Sozialdemokrat übrigens, dem Lafontaine mit sichtbarem Respekt begegnete. Auch Brandt, der ungleich länger Parteivorsitzender war, 23 Jahre, dann aber wegen einer Trivialität zurücktrat, hat die Linke gepflegt. Bei der Stange gehalten, wie man sagt. Denn insgesamt ist die SPD schon lange keine wirklich linke Partei mehr. Sie ist sozialdemokratisch, was nicht unbedingt dasselbe ist. Fortan schon gar nicht.

Trotz und Trauer: Im neuen Willy-Brandt-Haus in Berlin beraten die Linken am Wochenende nach dem Schock die Lage. Der Frankfurter Kreis: mehr Gesprächsnetz als rote Zelle, an Organisationskraft, Reichweite und Einfluß dem vergleichsweise rechten SPD-Zirkel Seeheimer Kreis klar unterlegen. Zwei Bonner Ministerinnen sind anwesend, die Juso-Vorsitzende, ein paar Bundestagsabgeordnete, Mitarbeiter, Gewerkschafter, einige Intellektuelle. Verschwörungstheorien gehen um. Ist "Oskars Sturz" das Werk von "neoliberalen Strippenziehern" im Kanzleramt? Gemeint ist Bodo Hombach. Der Mann ist in der Tat weder harmlos noch zimperlich, wer möchte ihn schon zum Feind haben? Aber ein Grund für "Oskar", das Handtuch zu werfen?

Die schnelle Vermutung lautet zur Zeit: Ohne Lafontaine wird es für Schröder leichter sein, einen wirtschaftsfreundlichen Kurs zu steuern, "linke Angebotspolitik" zu machen, wie sozialdemokratische Modernisierer sie seit langem fordern und Hombach in seinem Buch empfiehlt. Davon steht vieles auf der traditionellen Tabuliste der SPD. Mag also sein, daß Schröder damit beim Vorsitzenden aufgelaufen wäre. Doch andererseits sollte gerade die Personalunion, mit der die beiden einen Wahlkampf lang für "Innovation und Gerechtigkeit" durch das Land und die Medien gezogen sind, die Bereitschaft für strukturelle Reformen signalisieren, gekoppelt mit dem etwas leichtfertigen Versprechen, daß die kleinen Leute darunter nicht zu leiden haben würden. Dieser politische Spagat zwischen Schröder und Lafontaine sollte die Partei und ihre Wählermilieus zusammenführen, Alte und Junge, Individualisten und Verunsicherte, Siegessichere und Dauerverlierer, Aufbruchstypen und Ängstliche. Um das Potential der Neuen Mitte auszuschöpfen, brauchte die Partei beide.

Und diese Milieus ihrerseits wollten ebenfalls beides und deshalb beide: Innovation und Gerechtigkeit, Schröder und Lafontaine. Denn die Neue Mitte besteht, anders als Hombach glaubt, nicht nur aus der mobilen, flexiblen technischen Intelligenz, aus den Kindern der Freiheit und aus den Individualisten der Zweiten Moderne. Auch in dieser leistungsorientierten, gut ausgebildeten Arbeitnehmerschaft gibt es die Angst um den Arbeitsplatz und die Sorge um die Zukunft der Kinder. "Diese Leute sind aufgeklärt und offen für Reformen", beschreibt der Hannoveraner Milieuforscher Michael Vester deren Einstellungsmuster, "aber Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit und der Wunsch nach Partizipation spielt für sie eine große Rolle." Wirtschaftsfreundlichkeit allein ist für diese zukunftsoffene Zielgruppe (sie umfaßt circa 30 Prozent der Wahlberechtigten) noch keine Reformpolitik. Die Doppelspitze hätte insofern über den Wahlkampf hinaus ihren politischen Sinn gehabt, ernsthafte Reformarbeit vorausgesetzt.

"Oskar und Gerd", die Doppelspitze: Auf besondere Weise sind die beiden seit langem ein Paar. Freunde im privaten Sinn waren sie nie. Eine Vernunftpartnerschaft. Ihr informelles Bündnis machte die ersten Schlagzeilen im Herbst 1986. Der eine regierte schon seit mehr als einem Jahr an der Saar, der andere hatte soeben in Niedersachsen trotz deutlicher Stimmengewinne die Wahl verloren, zugleich schleppte sich die Bundestagskampagne von Johannes Rau durch die Republik. Da sagte Schröder in einem Interview, der nächste Kandidat werde Lafontaine sein, was soviel hieß wie: Rau schafft es nicht. Der Wuppertaler trug ihm das lange nach.

1990, das Jahr der Einheit und für beide ein Jahr der Entscheidung: Lafontaine mußte im Januar die Saar-Wahl gewinnen, um Kanzlerkandidat zu werden, Schröder im Frühjahr die Landtagswahl, um überhaupt in der Politik bleiben zu können. Der Saarbrücker, längst ein Medienstar, bot dem Koenkel jede mögliche Publicity, zum Beispiel einen gemeinsamen Auftritt am Abend des eigenen Wahlerfolgs. Er nahm ihn mit nach Paris, für einen Fototermin mit Mitterrand (und sprach einem deprimierten "Gerd" eine Nacht lang Mut zu: Nachdem der CDU-Mann Albrecht in Hannover gerade Rita Süßmuth als seine Nachfolgerin für den Wahlkampf gewonnen hatte, was zunächst als Clou galt, hatte Schröder seinen Wahlkampf bereits verloren gegeben). Wenige Wochen vor Schröders Wahl dann das lebensbedrohende Messerattentat auf Lafontaine: eine Mitleids- und Sympathiewelle folgte. Schröder, innerlich bereits auf dem Abmarsch in die Anwaltskanzlei, gewann seine Wahl. Im Fernsehen bedankte er sich als erstes bei "Oskar". Später, am Telefon, sagte er, nach Lafontaines Erinnerung: "Der Stich in den Hals hat zwei Prozent gebracht." Jahre später ist Lafontaine darüber immer noch irritiert: "Ich könnte das nie so sagen. Vielleicht ist das die norddeutsche Erziehung."

Auf allerlei Umwegen zum Parteivorsitz