Der Zufall führt sie wieder zusammen, nach zwanzig Jahren oder so, sechs ehemalige Schüler des Gymnasiums von Novi Sad - Männer und Frauen Ende Dreißig, von serbischer, deutscher, jüdischer Abstammung, wie es dem einst bunten ethnischen Gemisch des Vielvölkerstädtchens in der Vojvodina entsprach. Schnaps und die Rührung des Wiedersehens machen sie sentimental, Milan, der serbische Gastgeber, gerät gar ins pathetische Schwärmen: "Sind nicht wir das alte Novi Sad aus der Vorkriegszeit, das im Abgrund der Zeit versunken ist? Ich habe den Eindruck, daß hier und in dieser Stunde unser altes ehemaliges Novi Sad wiederauferstanden ist."

Der Eindruck trügt, denn er beruht auf nichts als Täuschung und Selbsttäuschung. Oder auf Vergeßlichkeit. Was die sechs Söhne und Töchter Novi Sads in diesem trügerischen Augenblick einer falschen Harmonie miteinander verbindet, ist Treue zum Vergangenen am allerwenigsten; was sie miteinander gemein haben, sind am Ende nur Vertrauensbrüche, Treulosigkeiten und mannigfache Verrätereien. Freunde werden einander erpreßt und verraten, Liebende einander getäuscht und betrogen haben, eine Ehe wird gebrochen und ein Ehemann hintergangen worden sein. Eine neue Familie wird sich auf nichts als Lüge und schnöde Berechnung gründen. Uralte offene Rechnungen werden beglichen, ein Mordanschlag wird ins Werk gesetzt, einer der sechs, der Jude unter ihnen, wird in den Selbstmord getrieben worden sein, um nicht zum Mörder werden zu müssen. Treue und Verrat heißt Aleksandar Ticmas Roman aus dem Jahre 1983, der nun erstmals auf deutsch vorliegt und Ticmas "Pentateuch" abschließt, seine so großartige wie niederschmetternde fünfbändige Chronik von Novi Sad in diesem Jahrhundert. "Untreue und Verrat" wäre ein mindestens ebenso angemessener Titel - auch als Übertitel der gesamten Pentalogie.

Als Sohn eines serbischen Vaters und einer ungarisch-jüdischen Mutter ist Aleksandar Ticma selbst ein Produkt dieses Völkergemischs. Als Chronist der Zerstörungen protokolliert er die Verwüstung und das, was bleibt: die Wüste. Er zeigt, was die Täter den Opfern und zugleich sich selber antaten, wie die Opfer, auch wenn sie davonkamen, doch zugrunde gingen. Und er beschreibt das verdorrte und verdorbene Leben in Novi Sad nach dem Kriege. Wer diese Gewaltschübe überlebte, der bleibt doch gezeichnet - untauglich, je noch unschuldig aus dem vollen zu schöpfen.

Keiner kann in Novi Sad als unschuldig durchgehen. Keiner läßt den Nächsten als unschuldig durchgehen. Jeder kann jedem als Gespenst aus der Vergangenheit entgegentreten. In diesem Provinznest ist jeder Fernste ein möglicher Nächster. Jeder Bekannte, den man trifft, kann Scham oder Angst oder Haß auslösen, denn in den Schleudergängen der Zeitgeschichte, die Novi Sad durchgerüttelt haben, kann jeder jedem schon irgendein Mal als Helfer oder Henker, als Peiniger oder Verräter, als Opfer oder Täter begegnet sein - noch früher aber als Mitschüler.

Denn alle sind irgendwann miteinander zur Schule gegangen, alle kennen einander von früher, alle wissen voneinander, peinlich genau, was sie getrieben hat und was sie getrieben haben - in den Zeiten des Präfaschismus, des Weltkriegs, der ungarisch-deutschen Okkupation, des Massakers gegen Juden und Serben im Jahre 1942, des Partisanenkriegs und danach, in Titos Jugoslawien. Aber erst die Schule, durch die sie nach der Schule gingen, hat sie aufs niederdrückendste geprägt und zu dem gemacht, was sie sind - ausgelaugte Hocker, Brüter und Schwätzer, Fehlschläger und Gescheiterte ohne Aussicht und Aufblick, jeder in seiner eigenen Trübsal stochernd und in seinen matten Begierden dunstend, hineingeborgt in eine geliehene Existenz. Kein Aufschwung. Nirgends. Rundum nur "der Abstieg, das Nichts". Es gibt keine Sieger der Geschichte.

Zum Beispiel Sergije Rudic, der Zahnarztsohn serbisch-russischer Abkunft, die Hauptfigur in Treue und Verrat. Sergije gehört dem Jahrgang 1924 an und ist damit, wie die meisten Romangestalten aus Ticmas Erzählkosmos, Altersgenosse seines Autors.

Schon als Gymnasiast, zur Zeit der Naziokkupation, hat sich Sergije auf die Seite der Kommunisten geschlagen. Ein Sabotageakt gegen das Besatzungsregime machte ihn früh zum Helden und fast zum Märtyrer. Er steckte einen Getreideschober in Brand, wurde gefaßt und entging knapp dem Todesurteil. Ein unüberlegter Ausbruchsversuch aus dem Gefängnis endete als blutige Katastrophe und kostete, unter vielen anderen, auch Sergijes junge Freundin das Leben. Seit dem Sieg der Partisanen taumelt er von Fehlschlag zu Fehlschlag. Der radikale Elitenaustausch in den Anfangsjahren Tito-Jugoslawiens spült ihn kurz in die Diplomatenlaufbahn, die er mit einem Affektmord beendet, der politisch vertuscht wird. Danach schlägt er sich als Zensor durch, indem er in Kitschromane Klassenbewußtsein hineinredigiert, und stellt mit 38 Jahren fest (der Roman spielt 1962), daß er seine Energien blind vertan, sein Leben verdorben hat - verdummt durch den Zensurdienst, seiner zweiten Ehefrau und seiner behinderten Tochter entfremdet, in freudlose Affären verstrickt. "Rund um sich sieht er lauter verschwitzte, gedunsene Gesichter. Alle ohne ein inneres Leuchten. Hier wird ganz unverhohlen biologisch gelebt, und so lebt auch er."