Eben ist der zweite Band der Neuen Mittwochsgesellschaft erschienen. Das ist für uns - die "Autoren" - ein wichtiges Ereignis. Warum? Was will diese Gesellschaft, und wer gehört dazu?

Zunächst die Vorgeschichte: Als im vorigen Jahrhundert das technisch-wissenschaftliche Zeitalter über Deutschland hereingebrochen war, erwachte bei vielen Menschen das Bedürfnis, mehr über die neuen Lebensbereiche zu erfahren. Dies führte im Jahre 1863 dazu, daß 16 bekannte Persönlichkeiten - Fachleute aus den verschiedensten Bereichen - sich zu einem Gesprächskreis zusammenschlossen, um im Rahmen von Diskussionen das Gelände abzuleuchten.

Die Mitglieder der Mittwochsgesellschaft, wie der Kreis sich nannte, kamen zweimal im Monat zusammen, jeweils im Hause eines der Mitglieder. Dieses mußte dann über sein Spezialgebiet referieren. Der 1863 gegründete Kreis, zu dem am Schluß Werner Heisenberg, Ferdinand Sauerbruch, General Ludwig Beck, Wilhelm Pinder, Johannes Popitz, Bernhard Harms gehörten, existierte bis 1944. Nach dem 20. Juli wurden vier der Mitglieder hingerichtet. Das war das Ende der Mittwochsgesellschaft.

Seit drei Jahren ist sie nun in anderer Form und mit anderen Zielen wiedererstanden. Nicht mehr die Rätsel des technischen Zeitalters zu ergründen ist das Motiv, sondern der Wunsch, ein paar Schneisen in das Chaos zu schlagen, das uns umgibt, und den Bürgern damit eine gewisse Orientierungshilfe zu bieten.

Es sind wieder 16 bekannte, erfahrene, glaubwürdige Persönlichkeiten, die ein bestimmtes Thema, das von einem der Teilnehmer eingeleitet wird, unter vielen Aspekten diskutieren. Jeweils 5 Sitzungen werden dann in einem Band, den die Deutsche Verlagsanstalt herausgibt, zusammengefaßt.

In dem eben erschienenen Band wurden als erstes Thema die Menschenrechte abgehandelt, eingeführt von Dieter Grimm, dem Bundesverfassungsrichter aus Karlsruhe. Grimm weist darauf hin, daß dem Begriff der Menschenrechte kein allgemeingültiges Prinzip zugrunde liegt, weil die Menschenrechte abhängig sind von Geschichte und Kultur der jeweiligen Gesellschaft. Im europäischen Denken ist die Grundeinheit der Gesellschaft das Individuum, in vielen Teilen der Welt aber ist es das Kollektiv, der Stamm, die Sippe.

Lang wurde über die Grenze zwischen Interventionsrecht - also Intervention in fremden Staaten - und Menschenrecht diskutiert und darüber, daß weder in den islamisch geprägten Gesellschaften, zu denen immerhin 900 Millionen Menschen gehören, noch in den konfuzianischen Kulturen Chinas und Japans (1,5 Milliarden) Menschenrechte im europäischen Sinne eine Rolle spielen. So alte Kulturen wie der Konfuzianismus haben ein moralisches Konzept entwickelt, das in gewisser Weise an Immanuel Kant erinnert, der nicht von Rechten, sondern von Pflichten sprach.