die zeit: Frau Simonis, am 30. Juni soll endgültig Schluß sein mit dem zollfreien Einkauf innerhalb der EU. Sie haben sich für eine Verlängerung des Duty-free-Handels ausgesprochen. Fürchten Sie nun Massenentlassungen?

Heide Simonis: Ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Der Bundeskanzler hat zugesagt, das Thema noch einmal beim Gipfeltreffen der EU-Regierungschefs am 24. März auf die Tagesordnung zu setzen. Bisher hat er sich sehr für den Erhalt des Duty-free-Handels engagiert. Dabei hat die neue Bundesregierung auch auf unseren Vorschlag hin Alternativen und steuerliche Kompromißangebote entwickelt, um der Kommission und unseren Nachbarn ein Umkehren zu erleichtern. Doch all dies hat die Fehler und Versäumnisse der Vorjahre nicht wettmachen können. Die Entlassungswelle rollt: Bereits 1000 hat sie getroffen, davon allein 400 in Flensburg, weil kein Arbeitgeber mehr planen kann. Die Zeit läuft uns davon. Ich befürchte, daß noch weitere 1000 bis 2000 Menschen entlassen werden.

zeit: Gerade weil es um Arbeitsplätze geht - haben die Bundesfinanzminister Waigel und Lafontaine nicht genug gekämpft?

Simonis: Waigel hat 1991 den Entschluß der EU zum Wegfall von Duty free ohne Wenn und Aber mitgetragen. Erst in den letzten Monaten der alten Amtszeit hat sich die Bundesregierung unseren Argumenten geöffnet. Doch da hatten sich bereits andere Mehrheiten gebildet. Die Ignoranten sitzen eindeutig in Brüssel. Bei uns gehen deshalb voraussichtlich 3000 Jobs verloren: in der Schiffahrt, in den Häfen, bei den Ausrüstern, Werften und im Fremdenverkehr - alles steuerpflichtige Arbeitsplätze.

zeit: Das Ende des zollfreien Handels wurde im Rahmen des Binnenmarktes bereits 1991 beschlossen. Wurde von den betroffenen Händlern und Reedern nicht viel zuviel Zeit verloren, um sich darauf einzustellen?

Simonis: Das ist leicht gefragt. Ich hätte mir natürlich auch mehr Innovationen der Branche gewünscht. Aber welche Alternativen stehen den Reedereien denn überhaupt zur Verfügung? Aus einem Ausflugs- und Fährschiff kann man eventuell ein Restaurant- oder Erlebnisschiff machen. Damit hat es sich aber schon.

zeit: Der Einzelhandelsverband HDE fordert schon lange ein Ende der "Wettbewerbsverzerrung". Rechnen Sie nun mit vielen neuen Arbeitsplätzen im Handel?