Der 7. Januar 1941 war für Heinrich Himmler kein sehr geschichtsträchtiger Tag: Er war morgens beim Optiker, empfing um 11.30 Uhr SA-Obergruppenführer Ludin, der sich als neuer Gesandter des Reiches nach Preßburg abmeldete, traf um 12 Uhr Herrn Kersten, seinen schwedischen Masseur, und ließ sich, bevor er um 14 Uhr zu Tisch ging, noch rasch vom Schneider eine Hose anmessen. Eine halbe Stunde später dann empfing er seinen persönlichen Referenten Brandt zum "Postvortrag".

Daß der Reichsführer-SS, Chef der deutschen Polizei und Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums offenbar kein Freund ausgiebiger Mittagsruhe war, ist wohl noch das Erhellendste, was wir den kargen Notizen seines Dienstkalenders zu diesem Tage entnehmen können. Die meisten der dort über die Jahre 1941 und 1942 dokumentierten Tage verliefen freilich geschäftiger. Da empfing Himmler hohe Funktionäre aus SS und Polizei, auswärtige Staatsgäste und Kollaborateure, Streithanseln und Bittsteller. Er ließ sich von seinen Hauptamtchefs vortragen oder trug seinem "Führer" selber vor. Im übrigen telefonierte er viel, hielt Reden, unternahm Reisen und Frontbesuche und pflegte die Kontakte zu seinen machtpolitischen Rivalen im Wettlauf um die Gunst des Diktators.

Der zweitmächtigste Mann des NS-Regimes

Vor allem aber traf er fast täglich - teils eigenmächtige, teils von Hitler zuvor abgenickte - Entscheidungen: Entscheidungen über die Ärmelstreifen von Waffen-SS-Verbänden und über zu vollstreckende Todesurteile, über Ehekrisen untergebener SS-Führer und über das von der Truppe zu verwendende Suppenpulver, über Ort, Art und Zeitpunkt der Ermordung einiger zehn- oder hunderttausend Juden und Zigeuner, über Gummistiefel für angeworbene norwegische Freiwillige und über die Konturen des von ihm erträumten "großgermanischen Reiches".

Über all dies finden sich im nunmehr veröffentlichten Dienstkalender Vermerke, aber eben nicht mehr als dies: Uhrzeit, Namen und allenfalls ein knappes, meist nur dem Eingeweihten verständliches Stichwort zur Sache. Die Edition ist mithin kein Buch zum Durchlesen und für den Laien wohl nicht einmal ein Werk zum gezielten Nachschlagen oder ziellosen Herumstöbern. Unvermeidlich stellt sich daher die Frage, ob dieses über den Gehalt eines bloßen Terminkalenders nur selten hinausreichende Dokument den doch erheblichen wissenschaftlichen und finanziellen Aufwand einer historisch-kritischen Edition überhaupt lohnte.

Aus wenigstens drei Gründen ist diese Frage definitiv zu bejahen. Erstens handelt es sich bei Himmler nicht um irgendeinen Würdenträger des NS-Staates, sondern um den im fraglichen Zeitraum bereits zweitmächtigsten Mann des Regimes, den Herrn über ein sich europaweit ausdehnendes SS- und Polizei-Imperium und den Chefexekutor des nationalsozialistischen Völkermords. Gleichwohl ist Himmler bis heute die von allen führenden NS-Politikern wohl unbestimmbarste, scheinbar unprofilierteste und zugleich vermutlich am stärksten unterschätzte Figur geblieben - zudem die einzige, über die bislang noch keine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Gesamtbiographie vorgelegt wurde. Indem die Edition seines Dienstkalenders hierzu einen wichtigen Baustein liefert, dürfte sie zur Behebung dieses erstaunlichen Forschungsdesiderats wesentlich beitragen.

Dieser Beitrag ist um so höher zu veranschlagen, als - zweitens - die beiden hier dokumentierten Jahre die vielleicht wichtigste Umbruchphase innerhalb der kurzen Geschichte des "Dritten Reiches" und der SS markieren. Sie umfaßt Vorbereitung, Beginn und Scheitern des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion ebenso wie den definitiven Übergang zur Politik des Genozids, das besatzungspolitische Ausgreifen der SS auf fast ganz Europa ebenso wie den Beginn einer großräumigen Siedlungs- und "Umvolkungspolitik" sowie nicht zuletzt die Transformation der Waffen-SS von einer wenig bedeutenden Prätorianergarde zur multinationalen Massenarmee.