Mit Toten ist nicht zu spaßen. Der große amerikanische Erzähler William Gaddis, der Ende letzten Jahres gestorben ist, hat uns ein Vermächtnis hinterlassen. Nicht wie Thomas Bernhard ein Testament, in dem seine Werke für seine Heimat Österreich gesperrt werden. Gaddis schrieb, kaum weniger konsequent, als Vermächtnis ein Hörspiel, eine Auftragsarbeit für den Deutschlandfunk Köln: Torschlußpanik.

Die Marxsche Einsicht, Grundlage der Anatomie des Affen sei die des Menschen, hat diesem Hörspiel Pate gestanden. Es ist zum Nachwort eines großen Werkes geworden. Gaddis hat noch einmal richtig kräftig ausgeholt. Das Hörspiel ist als Selbstgespräch eines in sich gespaltenen Subjekts angelegt, im Unterschied zu den Romanen, die alle Handlung (fast) restlos in Dialoge auflösen. Sie haben das große Rauschen, mit dem die Medien die Welt überziehen, abgebildet. Das Hörspiel zieht die Bilanz.

Ein alter, todkranker Mann liegt in einer Klinik, neben sich den Ertrag jahrelanger Arbeit, Zeitungsausschnitte, Zettel, Zitate, die Vorarbeiten zu seinem letzten Werk über den "unaufhaltsamen Zerfall der Welt, den Kollaps von Sprache und Bedeutung, das Verschwinden der Kunst", also über den "Pesthauch der Entropie". Dieser Zerfall beginnt im eigenen Körper. Er setzt sich fort in seiner Arbeit. Nur selten findet er die Zettel oder Zitate, die er gerade sucht. Dafür fällt ihm schon einmal ein Glas um, wobei sich dessen Inhalt in dem großen Haufen verliert. "Verdammte Scheiße, das war meine Urinprobe." Der Mono-/Dialog hat Beckettsche Qualitäten. Wie im Letzten Band sind auch hier die Motive nach musikalischen Prinzipien organisiert. Was bei Beckett Humor war, ist bei Gaddis zur Ironie zerronnen. Er bezieht sich, bis in die Formulierungen hinein, auf Thomas Bernhard, die große literarische Liebe seiner letzten Jahre. "Diese Gefahr ist naturgemäß die allergrößte", die nämlich, daß die "verblödete, hirnlose Masse, die sogenannte Öffentlichkeit", aus dem "Künstler einen Entertainer oder Berufsprominenten" macht. Gaddis spielt den Untergeher von Bernhard noch einmal durch, setzt mit Wertheimer, Bernhards Held, auf Glenn Gould, setzt also auf den absoluten Kunstanspruch. Alles oder nichts, Kunst oder diese Unterhaltungssoße. Und: Er setzt auf Ironie. Schließlich wirft er mit Recht Bernhard vor, ihn (Gaddis) bestohlen zu haben. Thomas Bernhard habe ihn "plagiiert". Allerdings, so räumt er ein, "noch bevor ich überhaupt eine Zeile davon zu Papier bringen konnte". Das heißt? Gaddis macht sich, ganz nebenbei und sehr dezent, auch lustig über Dekonstruktion und Intertextualität. Sein letztes Buch will er beendet haben, bevor "die Bauchredner ... mir den Tod des Autors unter die Nase reiben".

Es ist ihm, zum Glück, gelungen. Auch seinen Kritikern kommt er entgegen: Von Galenus bis zu Huizinga, von Platon bis Pascal, von Benjamin bis Bernhard sind Zitat, Bezüge, Verweise eingearbeitet. Und alle, selbst die zartesten Hinweise sind auf den Mittelpunkt bezogen: den Zerfall aller Ordnung, den Verlust jeglicher Authentizität, eben: das Ende, das, wie bei Beckett, aber erst der Anfang vom Ende ist.

Torschlußpanik und dann das Ende. Gaddis ist tot. Ignaz Kirchner hat ihm seine Stimmen geliehen. Wenn man den Text als Klavierauszug nimmt, dann hat dieser begnadete Schauspieler eine Orchesterfassung daraus gemacht.