Ein wissenschaftlicher Streit unter Psychiatern geht nicht leicht ohne persönliche Verletzungen ab. Ist doch die Nervenheilkunde wie kaum ein anderes Forschungsgebiet dem Zeitgeist unterworfen. Das bekam auch der Hamburger Psychiater Ulrich Supprian zu spüren. In zahlreichen Schriften hat er bisher seine neue Theorie vorgestellt, derzufolge bestimmten Psychosen eine strikte Zeitordnung zugrunde liegt. Zugleich ermunterte er die scientific community, diese These anhand eigener Daten zu überprüfen.

Doch die Kollegen zeigten Supprian die kalte Schulter. Sie ärgerten sich über manche allzu scharfe Bemerkungen in den Texten des Emeritus, der vor drei Jahren seinen Arbeitsplatz im Hamburger Zyklothymie-Archiv geräumt hat und sich in ein Holzhaus an der Eider zurückzog. Dort hat er nun in einem Buch über Endogene Psychosen und ihre Zeitordnungen Bilanz gezogen. Doch bei tonangebenden deutschen Psychiatern kommt seine naturwissenschaftlich geprägte Theorie schlecht an, nimmt sie doch in Anspruch, ein zahlenorientiertes Denken in die Seelenheilkunde einzuführen.

Manisch Depressive - hierzulande über ein Prozent der Menschen - leiden entweder unter Niedergeschlagenheit, innerer Leere, Verzweiflung oder Schuldvorwürfen. Oder, wenn die Manie im Vordergrund steht, unter grundloser Heiterkeit, Unruhe und andauernder Redelust. Supprian zufolge glauben die Vertreter der Nervenheilkunde immer noch, daß das quälende Irre im manischdepressiven Erscheinungsbild ein Abbild des Chaos' in der Seele sei. Er dagegen ist überzeugt, daß dies aus einer deterministisch strengen Zeitordnung des Ablaufs hervorgehe. In seinem Buch Verrückt und Verlassen (Dr. R. Krämer Verlag, Hamburg 1992) hat er die Phasen einer solch quälend hoffnungslosen Krankengeschichte mitfühlend und genau beschrieben.

Solche Symptome werden von den behandelnden Ärzten zwar im Krankenblatt registriert, doch kaum jemand kommt auf die Idee, sie mit bestimmten zeitlichen Abläufen in Zusammenhang zu bringen. Entsprechenden chronobiologischen Gesetzen, die 1903 erstmals vermutet wurden, spürte Supprian in dem Hamburger Zyklothymie-Archiv nach. Minutiös erhobene Daten über den Krankheitsverlauf führten ihn dabei auf die Spur einer zeitlichen Ordnung im Ablauf vieler Phasen der Krankheit.

Diese Zustandsänderungen gehen nach Supprians Meinung nicht auf starke emotionale Erlebnisse zurück, auch wenn es plausibel scheint, daß ein herber persönlicher Verlust depressiv machen kann. Er nimmt eher an, daß Tag-und-Nacht-Wechsel einen Zeitnehmer im Zwischenhirn steuern, der wiederum die Intensität und den Charakter der Krankheitsphänome regiert.

Daß es da einen Zusammenhang gibt, vermuten Nervenärzte schon seit längerem. Manche versuchen etwa mit nächtlichem therapeutischem Schlafentzug den Verlauf schwerer Depressionen zu unterbrechen und so eine zusätzliche Therapie zu entwickeln. Doch kaum jemand wagt sich in der Theorie so weit vor wie Supprian. In seinem Buch hat er die schwer verständliche Materie erstmals ausführlich behandelt.

Hoffentlich regt es möglichst viele seiner Fachkollegen an und hilft in der schwierigen Behandlung dieser Krankheit ein Stück weiter.