"Bei seinen zahlreichen Anhörungen und bei der Prüfung der Unterlagen hat der Ausschuß festgestellt, daß die Kommissare bisweilen erklärten, sie hätten nicht gewußt, was in ihren Dienststellen geschehe. Eindeutige Fälle von Betrug und Korruption in der Kommission blieben somit auf der Ebene der Kommissare ,unbemerkt'. Falls diese Erklärungen zutreffen (...) bedeuten sie ein schwerwiegendes Eingeständnis eines Versäumnisses in einem anderen Bereich. Die Unwissenheitsbeteuerungen seitens der Kommissare in bezug auf Probleme, die in ihren Dienststellen, bis hinauf auf höchste Beamtenebenen, häufig wohlbekannt waren, sind gleichbedeutend mit einem Eingeständnis der politischen Stellen, daß sie die Kontrolle über die Verwaltung, die sie eigentlich führen müßten, verloren haben.

Dieser Verlust der Kontrolle impliziert zunächst einmal eine schwerwiegende Verantwortung sowohl für die einzelnen Kommissare als auch für die Kommission insgesamt. Der Ausschuß fand keine Fälle, in denen ein Kommissar direkt oder persönlich in betrügerische Aktivitäten verwickelt gewesen wäre. Allerdings fand er Fälle, in denen Kommissare oder die Kommission insgesamt die Verantwortung für Fälle von Betrug, Unregelmäßigkeiten oder Mißmanagement in ihren Dienststellen oder Zuständigkeitsbereichen tragen. Darüber hinaus fand der Ausschuß keinen Beweis dafür, daß sich ein Kommissar durch Betrug, Unregelmäßigkeiten oder Mißmanagement einen finanziellen Vorteil verschafft hätte.

Bezüglich der vom Ausschuß geprüften Fälle von Günstlingswirtschaft bei einzelnen Kommissaren stellte der Ausschuß folgendes fest: Im Fall von Frau Cresson gelangte der Ausschuß zu der Auffassung, daß die Kommissarin für einen Fall von Günstlingswirtschaft verantwortlich ist. Im Falle von Frau Wulf-Mathies hat der Ausschuß festgestellt, daß sie einen persönlichen Mitarbeiter für eine im Gemeinschaftsinteresse liegende Aufgabe eingestellt, dabei jedoch ein unangemessenes Verfahren angewandt hat.

Von Beginn der neunziger Jahre an wurden die direkten Verwaltungsbefugnisse der Kommission beträchtlich ausgeweitet. Von einer Institution für Beratungen und Vorschläge hat sie sich zu einer Durchführungsinstitution gewandelt. Parallel dazu haben sich die administrative und finanzielle Kultur, der Sinn für die individuelle Verantwortung, das Bewußtsein für die Notwendigkeit, die Regeln der ordnungsgemäßen Haushaltsführung einzuhalten, nicht in dem gleichen Tempo entwickelt.

Der Ausschuß ist zu der Auffasung gelangt, daß die auf den unzulänglichen menschlichen Ressourcen beruhenden Entschuldigungen den von der Kommission selbst gefaßten Beschlüssen, seit 1995 einen Sparhaushalt beizubehalten, widersprechen. (...)

In der Kommission gibt es kein einfaches, schnelles und praktisches internes Verfahren zur Feststellung der individuellen Verantwortlichkeiten im Fall von Unregelmäßigkeiten und möglichen wiederholten Betrügereien durch ihre eigenen Beamten. (...) Im Verlauf der Untersuchungen wurde allzu oft festgestellt, daß das Verantwortungsbewußtsein in der hierarchischen Kette versickert. Es wird schwierig, irgendeine Person zu finden, die sich auch nur im geringsten verantwortlich fühlt."