Am 27. Februar 1999 brach in Wien der Frühling ein. Es war ein Einbruch, denn eine graue, undurchlässige Klimamasse schien sich auf ewig eingerichtet zu haben, aber da: Plötzlich wurde Licht! Ich ging in den Prater, in die klassische Wiener Parklandschaft, wo tausend andere, genauso Heruntergekommene und Verdorrte wie ich sich im Freien Milde erhofften. Selbst mein Vater, ein passionierter Evangelist seiner Qualen im Alter, sagte über den 27. Februar, er sei seit langem der erste Tag gewesen, den er halbwegs angenehm überstanden hätte. Sogar der Heyne Verlag tat sein übriges und schickte mir das Frühlingslesebuch, eine von Patrick Niemeyer herausgegebene Anthologie mit "Geschichten für laue Frühlingsabende".

Ein großer österreichischer Verleger, für den ich einmal Sklave, das heißt: Lektor war, hätte gewiß gesagt, "Lesebuch" könne man ein Buch nicht nennen, denn das sei nicht "verkäuflich", weil es so pädagogisch klinge. Aber dieser Verleger war ja überhaupt schon von der Vorstellung überfordert, ein Buch könnte etwas zum Lesen sein. Natürlich leiden Anthologien an dem Zusammengewürfelten, das man im Glücksfall "bunt" nennen darf. Auch weiß jeder begeisterte Zuschauer des Literarischen Quartetts, daß es in der Literatur nicht auf das "Was", sondern auf das "Wie" ankommt. Das heißt wohl auch, die thematische Übereinstimmung von Texten sagt nichts über ihre Zusammengehörigkeit: Ein Doderer über den Frühling und eine Edna O'Brien über denselben stellen verschiedene Welten dar. Ihr Zusammensein in einem Buch wirkt auf den gebildeten Geschmack obszön.

Aber nicht einmal das Literarische Quartett hält sich an sein besseres Wissen, gerade Reich-Ranicki huldigt einem Inhaltismus, an dem gemessen der Frühling von Edna O'Brien und der des Heimito von Doderer einander sogar ergänzen, und zwar ungefähr so wie "männlich" und "weiblich". Wunderbar, daß Edna O'Brien die Realität der Frauen schlafwandlerisch im Traum ansetzt. Doderers Geschichte hingegen beginnt gleich mit einer Spekulation aufs Fleischliche, nämlich mit dem schönen Satz: "Der Anfang des Prater-Ausfluges mit Pauline ließ sich gut an."

Das ist ein geradezu geflügeltes Wort. Ihm folgt kurz danach eine Passage, die von jener Art ist, derentwegen ich dieses Lesebuch empfehle: "Der Mai aber war, am hellichten Tage doch geheimnisvoll, hinter jedes neu entfaltete Blatt getreten, hatte eine grüngoldene Aura herumgezeichnet und das Getümmel der vielen Blätterschatten am sonnigen Boden durch kleine Windstöße lebhaft gemacht. Der Kies der Alleen wurde auf solche Weise gesprenkelt und ständig bewegt, als sei's eine Wasserfläche."

Da wird das Frühlingsklischee zum Virtuosenstück. So wahr nun der Frühling eine Jahreszeit ist, so ist er auch ein "literarischer Mythos": Im Text ist "Frühling" ein Bedeutungsträger für die von neuem freundlich erscheinende Natur, für geheimnisvolles Erwachen, für erotisches Suchen und Finden. Diesbezüglich fand ich Axel Marquardts Darstellung vom Telefonsex mit der Witwe Zunz unter der Nummer 6996 sehr frühlingshaft. Eine Geschichte von Eva Weissweiler ist auch herrlich: Es ist - in meiner Lesart - die Parodie einer Frauenphantasie vom großen Geschlechtsteil kleiner nordafrikanischer Männer, also zugleich auch die Parodie eines Rassismus, der sich nicht zuletzt im Geschlechtsleben abspielt: Die exotischen Größen wachsen der mittelständischen sauerländischen Dame, wohnhaft "in Neheim-Hüsten in landschaftlich reizvoller Lage an der Mündung der Möhne in die Ruhr", schnell über den Kopf.

Das Lesebuch durchforste ich vor allem nach Stellen, an denen der Text den Frühling zum Leben erweckt. Tschechow ließ ihn - für ein längst vergangenes Ostern - so hochleben: "Ein frohlockendes Gedröhn der Glocken vom Morgen bis an den Abend über der Stadt; ohne aufzuhören, brachte es die Frühlingsluft in Wallung ... mit einem Wort - es war eine Lust zu leben, man war guter Dinge, alles stand zum besten, genauso wie es auch im Vorjahr gewesen war, und wie es wahrscheinlich auch im nächsten Jahr wieder sein würde."

Ach, ein großer Mann, ich glaube, es war André Gide, hat - dem Sinn nach - gesagt: Sterben ist schon okay, aber daß man Frühling, Sommer, Herbst und Winter nicht mehr erlebt, das ist unerträglich! Übrigens wurde das Frühlingslesebuch bald zu einem Werk der Utopie: Spurlos, wie der Frühling gekommen war, verschwand er wieder, und die Wetternachrichten teilten nüchtern mit, "der Vorfrühling" wäre vorüber.