Wer im sibirischen Krasnojarsk etwas zu sagen hat, läßt sich im Jeep chauffieren und hat stets einen zwei Meter großen, kurzgeschorenen Leibwächter neben sich, der Handy und Aktenkoffer trägt. Demnach ist Anatolij Bykow besonders mächtig: Im schwarzen Mercedes, von gleich zwei Jeeps gefolgt, rollt er an diesem Morgen vor die Halle 7 der Krasnojarsker Aluminiumfabrik (KrAS), wo eine neue Elektrolyseanlage eingeweiht werden soll. Alle Kameras sind auf den schlacksigen Mann gerichtet, der aus dem Wagen steigt. Bykow, KrAS-Aufsichtsratsvorsitzender, nickt zufrieden: "Wir reden nicht nur, wir tun was", übertönt er den Maschinenlärm, "wir schaffen Arbeitsplätze, wir erweitern die Produktion. Das ist nicht der letzte Sieg."

Das örtliche Medienereignis ist Teil eines Stellungskriegs im Wilden Osten Sibiriens. Bykows Gegner ist niemand anders als Alexander Lebed, General a. D. und seit Juni vergangenen Jahres Gouverneur des Krasnojarskij Kraj; die Region ist mehr als sechsmal so groß wie die Bundesrepublik und reicht bis an das Nordpolarmeer. Die Journalisten dürfen Bykow artig Fragen stellen, nur nicht zum Konflikt mit Lebed. Erst an der Stahltreppe platzt es doch aus Bykow heraus: "Lebed hätte ja gerne, daß es in Krasnojarsk aufwärtsgeht. Aber er produziert nur Seifenblasen."

Nicht erst seit Lebed seinen Gouverneursposten in Krasnojarsk übernommen hat, hat sich die Stadt im Herzen Sibiriens zur Krimikulisse gewandelt. In der Region gibt es alles, was ein guter Hollywoodstreifen braucht: Paten, korrupte Politiker, Aluminium, Nickel, Platin. "Allee der Privatisierer" heißt der zentrale Weg auf dem Friedhof Badalyk im Norden der Stadt. Dort liegen all jene, die den Kampf um ein Stück vom lukrativen Kuchen verloren haben. Wer sich heute nicht an die vorgegebene Hierarchie in Krasnojarsk hält, der wird zu einer Exkursion auf die Allee der Privatisierer eingeladen. Das ist die letzte Drohung.

Exboxer Bykow bastelt an einem seriösen Image Lebeds Gegenspieler Bykow hat die wilden Jahre nicht nur überlebt, sondern den Thron des Kraj bestiegen. Der 39jährige kontrolliert inzwischen die Aluminiumfabrik und etliche andere Industriegiganten, die Telekommunikationsbranche, das örtliche Fernsehen. Es ist also an der Zeit, sich um das Image als seriöser Geschäftsmann zu kümmern: "Ich trage die Verantwortung für die Menschen hier", sagt Bykow, "Sie sollen sehen, daß hier nicht Mafiosi arbeiten, sondern normale Menschen. Oder haben Sie hier einen Banditen gesehen?"

Wie es Bykow nach ganz oben in Krasnojarsk geschafft hat, dorthin, wo die Luft ganz dünn und bleihaltig ist, läßt sich rekonstruieren, aber nicht beweisen. "Nje sudim!", "Nicht vorbestraft!" steht in Berichten russischer Sicherheitskräfte. Allerdings: Zeugen berichten, daß der ehemalige Boxer und Sportlehrer Bykow seit Anfang der neunziger Jahre allmählich die kriminelle Landschaft im Kraj monopolisiert hat. Dabei half ihm angeblich nicht nur der Boxernachwuchs der Region, sondern auch der russische Geheimdienst. Hochrangige Staatsdiener sollen bei Bykow auf der "Gehaltsliste" gestanden haben.

Bei seinen Geschäften steht "Tolja Byk" ein gewisser Lew Tschernoj bei - ein Israeli usbekischer Herkunft, dessen Trans-World Group eine feste Größe im internationalen Aluminiumgeschäft ist. Das "System Bykow/Tschernoj" funktioniert denkbar einfach: Über externe Mittlerfirmen wird KrAS mit Rohstoffen wie Koks und Tonerde versorgt; im Gegenzug liefert die Fabrik fertiges Aluminium und kassiert dafür nur eine kleine "Verarbeitungsgebühr".

Dabei mißbrauchen Bykow und Tschernoj, so die Kritiker, die Fabrik und somit die gesamte Region als eine Art Gelddruckmaschine. Laut einem internen Bericht des russischen Rechnungshofs flossen beim Handel mit dem KrAS-Aluminium in den drei Jahren von 1995 bis 1997 zwischen 350 und 400 Millionen Dollar ins Ausland. Für KrAS hingegen, so der Rechnungshof, fiel aus den Operationen kaum etwas ab, und auch das Kraj-Budget kam viel zu kurz. Zudem seien die Profite auf Kosten des regionalen Energieversorgers zustande gekommen: Jahrelang habe Krasnojarsk-Energo die Hälfte seiner gesamten Stromproduktion an KrAS geliefert - zu einem Tarif, der nicht einmal die Kosten gedeckt habe. Geschätzter Verlust des Energieversorgers: umgerechnet rund eine Milliarde Mark.