Warschau

Javier Solanas Formulierung, die Aufnahme Polens, Tschechiens und Ungarns in die Nato sei ein "Triumph der Gerechtigkeit über die Geschichte", rauschte Ende letzter Woche durch die deutsche Presse und ging sofort wieder in den Querelen der Deutschen mit sich selbst unter. Die kleine Feier des endgültigen "Übertritts" der drei früheren Warschauer-Pakt-Staaten zum Westen spielte sich in der amerikanischen Provinzstadt Independence ab, der Heimatstadt von Harry Truman. Herzlichkeit in Amerika, Freude in Ostmitteleuropa und wohlwollende Gleichgültigkeit in Westeuropa?

Ein wenig sieht es danach aus. Während die Ungarn von Heimkehr sprechen und die Polen ihre atlantische Erfahrung bis zur Beteiligung an der "Atlantik-Schlacht" im Zweiten Weltkrieg zurückverfolgen, zeichnet sich in Westeuropa ein neuer Streit mit den Amerikanern um die künftige Nato - Strategie ab. Soll sich die Allianz wie gehabt auf die Verteidigung des Bündnisterritoriums beschränken? Oder soll sie darüber hinaus auch eine Art globale Friedensfeuerwehr werden und - mit oder ohne UN-Auftrag - die Weltmacht Amerika entlasten?

Die "Neuzugänge" sind auf diesen Streit wenig gefaßt. Für sie ist die Nato nicht nur ein sicherheitspolitischer Partner. Sie brauchen das Bündnis auch als normgebende Instanz für den gewaltigen Modernisierungsprozeß, den sie vor sich haben. Die Nato biete nicht nur die Technik, Logistik und das Management, sondern hat mit ihrer zivilgesellschaftlichen Militärphilosophie auch eine mentale Kulturrevolution in Gang gesetzt. Der euroamerikanische Universalienstreit stößt bei den Polen, Ungarn oder Tschechen auf wenig Verständnis.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß die drei Neuen in der ersten Phase in der Allianz sogar recht "amerikanisch" erscheinen werden. Das hängt einerseits mit dem traditionell hohen Respekt vor allem der Polen für Amerika als eine demokratische Macht zusammen, die im 20. Jahrhundert zweimal einem zerstrittenen Europa militärisch zu Hilfe gekommen ist, 1916 und 1944. Ohne ein amerikanisches Engagement auf der Seite der Entente hätte Polen 1918 seine Staatlichkeit nicht zurückgewonnen. Selbst nach dem "Verrat von Jalta" war es viel mehr Amerika als Westeuropa, auf das sich die Sehnsüchte und Hoffnungen der Ostmitteleuropäer richteten. Außerdem waren die USA zwar anfangs nicht so schnell für die Öffnung der Nato zu gewinnen, dann aber blieben sie konsequent, zumal der polnische Geheimdienst sich bereits im voraus Nato-Lorbeeren erwerben konnte, als er vor dem Golf-Krieg sämtliche CIA-Agenten aus dem Irak herausschmuggelte, nachdem das Franzosen und Engländern zu riskant war.

Sicher, die Ostmitteleuropäer wollen in die EU. Aber sie möchten vorsichtshalber auch, daß die Amerikaner in diesem Europa weiterhin präsent sind - als Rückversicherung und gegebenenfalls auch als Friedensstifter wie etwa in Bosnien und Nordirland.

Die alte EWG mag für die Menschen im "Europa des minderen Gottes" jenseits des Eisernen Vorhangs jahrzehntelang ein Wunschtraum gewesen sein, doch war das Verhältnis besonders der Polen und Tschechen zu ihren älteren Geschwistern im Westen zugleich recht zwiespältig. Zu lange wurde Ostmitteleuropa im 19. Jahrhundert der deutsch-russischen Hegemonie überlassen, und zu egoistisch verhielt sich Westeuropa 1938/39, als es noch möglich gewesen wäre, Hitler zu stoppen.