Ein wenig verlassen wartet Herr Bari Ö. im Flur des Amtsgerichtes Hamburg auf seinen Termin. Hastig raucht der kleine, kompakt gebaute Mann eine Zigarette nach der anderen. Die "ganze Welt und die Behörden" sollen erfahren, was "diese Frau" ihm angetan habe, stößt er hektisch hervor. Auch wenn er heute als Angeklagter hier sei, so sei sein Gewissen doch rein, verkündet er, vielleicht werde er sogar seine Kinder wiedersehen. In gestraffter Haltung betritt er den Verhandlungssaal.

Die Richterin, die hier amtiert, ist für Kindesmißbrauch zuständig; Herrn Ö. wird vorgeworfen, im Februar 1996 seine damals 12jährige Tochter Yasmin unsittlich berührt zu haben. Überdies soll der 53jährige seinen vier Kindern eine sogenannte Bastonade verabreicht haben, indem er ihnen mit einem Rohrstock schmerzhafte Hiebe auf Handflächen und Fußsohlen versetzte.

Die Vorwürfe, das ist nicht zu übersehen, treffen Herrn Ö. in Mark und Bein. "Ich habe meine Kinder niemals, aber auch niemals sexuell angefaßt", schleudert er erregt der Richterin entgegen. Geschlagen habe er seine Kinder allerdings, gibt der Mann gleich darauf kleinlaut zu. Dies sei aber stets zu deren Besten geschehen. "Die Kinder haben sich immer geprügelt und einander die Haare ausgerissen, da bin ich öfter mal dazwischen."

Auch Schläge mit dem Rohrstock muß Herr Ö. zugeben. Damals hätten die Kinder in ihrem Zimmer die Steckdosen aus der Wand gerissen. Beredt beschwört er die Gefahr aus der Leitung: "Ich liebe meine Kinder, aber das ist sehr gefährlich! Leicht kriegen sie einen Schlag und sind dann alle tot!" Den Stock habe ihm seine damalige Lebensgefährtin gereicht, klagt Herr Ö., und nun habe sie ihn angezeigt. "Da stimmt doch was nicht!"

Die Kinder mußten sich in einer Reihe aufstellen und die Hände vorstrecken. Mit dem Stock habe er dann "patsch" gemacht. "Einmal!" beteuert Herr Ö. Auf die Fußsohlen habe er seine Kinder nie geschlagen. "Ich hab' da abends nur gesagt: Füße waschen! Die sind sonst ganz dreckig ins Bett gegangen." Eine "verfehlte", aber aus elterlicher Sorge geborene Züchtigung, analysiert sein Anwalt.

Die erfahrene und sonst nicht eben großzügige Richterin ist bereit, die Anklage gegen eine Geldbuße von 900 Mark fallenzulassen. Sie ist offensichtlich davon überzeugt, daß Herr Ö. nur zufällig ins Visier der Strafverfolgungsbehörden geriet.

Dazu gehört eine Vorgeschichte, in der es um eine ungewöhnliche Mutprobe geht, mit der Herrn Ö.s Tochter Yasmin an ihrem neuen Wohnort in Bayern auffällig wurde. "Das Mädchen hat mit einer Freundin gewettet, daß sie sich traut, nackt auf die Straße zu laufen", berichtet die Richterin. Der Angeklagte habe damals schon lange nicht mehr mit seiner Familie zusammengelebt. Nachbarn hätten die Polizei gerufen, als sie das kreischende, splitternackte Mädchen bemerkten. Als die Beamten am Körper des Mädchens überall rote Stellen fanden, hätten sie gleich das Schlimmste vermutet und die ganze Familie verhört. "Na ja, die komischen Stellen kamen von einer Hautkrankheit", resümiert die Richterin. Und damit der Aufwand nicht ganz umsonst gewesen sei, habe man dann wohl Herrn Ö. vor Gericht gestellt.