Verkleidungen schätzt er aus professionellen Gründen: Der Schnurrbart ist aufgeklebt, unter der Schirmmütze trägt er eine Perücke. Anton Künzle ist sein Pseudonym. Der Mann, der für das Gespräch das Tel Aviver Apartment eines Freundes gewählt hat, will seine Anonymität auch noch mit 80 Jahren wahren. Schließlich hat Interpol einst nach ihm gefahndet, und zudem will er sich nicht in den Vordergrund drängen. Denn er handelte im Auftrag, als er vor mehr als 30 Jahren den Naziverbrecher Herbert Cukurs in Brasilien aufspürte und mit Hilfe seiner Kollegen vom israelischen Geheimdienst hinrichtete. Über die genauen Umstände konnte damals in den Zeitungen nur gemutmaßt werden.

Unter der Schlagzeile "Wer ermordete den Mörder?" berichtete die Illustrierte Quick im März 1965 über eine Leiche, die in einem Schiffskoffer in einer leeren Villa in Montevideo entdeckt worden war. Am Tatort fand die Polizei einen Schuldspruch vor: "Angesichts der schweren Anschuldigungen und besonders seiner persönlichen Verantwortung für die Ermordung von 30 000 Männern, Frauen und Kindern und unter Berücksichtigung der besonderen Grausamkeit, die er dabei an den Tag legte, haben wir beschlossen, Herbert Cukurs zum Tode zu verurteilen. Die Strafe wurde am 23. 2. 1965 vollstreckt, von denen, die nie vergessen."

Die unheimliche Jagd auf Cukurs, der sich nie unbewaffnet auf die Straße wagte, hat sich Anton Künzle nach vielen Jahren "von der Seele" geschrieben. Mehr als sechs Jahre dauerte es, bis das Buch 1997 in Israel erscheinen durfte. Was ihm dort der Kodex des Geheimdienstes verbot, nämlich die Benennung seiner Auftraggeber, das konnte er in der deutschen Ausgabe, die in diesen Tagen erscheint, nachholen (Anton Künzle/Gad Shimron: Der Tod des Henkers von Riga; Bleicher-Verlag, Gerlingen).

Obwohl diese Geschichte nun schon so lange her ist, beschäftigt sie ihn noch immer. "Glauben Sie nicht, daß es meine Mentalität ist, solche Dinge zu tun", sagt Künzle, "aber mein Gerechtigkeitssinn hat mich dazu gebracht, mich für diese Aufgabe in Gefahr zu bringen."

Das Motiv des Mossad war vor allem politisch: Es ging darum, weltweit Aufmerksamkeit zu erregen zu einer Zeit, als die Deutschen nur 20 Jahre nach Kriegsende über die Verjährung von Naziverbrechen diskutierten. Naziverbrecher wurden damals noch wie gewöhnliche Straftäter behandelt. Daß die Verjährungsfrist verlängert und schließlich aufgehoben wurde, sei auch dieser Operation zu verdanken gewesen, glaubt Künzle.

Herbert Cukurs, der SS-Mann und Massenmörder aus Riga, war 1960 nach Brasilien geflüchtet und lebte dort unter dem fürsorglichen Schutz des örtlichen Sicherheitsdienstes. Die deutsche Justiz konnte den gebürtigen Letten nicht verfolgen, weil das sowjetische Lettland während des Kalten Krieges kein Interesse an seiner Auslieferung hatte. Nur die jüdischen Organisationen in Südamerika wollten Cukurs keinen ruhigen Lebensabend gönnen. Sie forderten seine Bestrafung und verhinderten zumindest, daß er die brasilianische Staatsbürgerschaft erhielt.

Cukurs, der seinen echten Namen behalten hatte, lebte in Angst. Er selbst wußte am besten, was er den Juden angetan hatte. Der "Henker von Riga" war kein Schreibtischtäter, er mordete eigenhändig. Viele Überlebende erinnern sich an den Mann mit der schweren Nagan-Pistole, mit der er die hilflosen Opfer zu erschlagen oder aus kürzester Entfernung zu erschießen pflegte. Er ertränkte Juden, steckte Synagogen in Brand, er erschoß Babys, wenn sie schrien, weil sie von ihren Müttern getrennt wurden.