Alle kennen David Goodis. Wer ihn nicht kennt, der hat wenigstens das Gesicht von Charles Aznavour gesehen, als Titelheld Eddie in dem Truffaut-Film Schießen Sie auf den Pianisten! - nach dem Roman von David Goodis. Das Gesicht Aznavours kündigt an, daß er den Kampf verlieren wird, den alle Helden wider Willen bei Goodis kämpfen müssen: Sie sind Opfer der Willkür, des organisierten Verbrechens, des bösen Zufalls und der eigenen Leidenschaften. Sie sind von großer Tapferkeit, die aber hat passiven Charakter - Goodis' Helden kämpfen gegen das Schlechte, ohne für das Gute zu sein, denn sie wissen nicht, was das ist. Es sind Gestalten der Notwehr.

Der Unionsverlag hat jetzt Die Nacht bricht an wieder aufgelegt, in der sehr anständigen Übersetzung von Florian Marzin, 1987 ursprünglich für Bastei-Lübbe. Damals war das Buch immerhin schon vierzig Jahre alt, und die Schlichtheit der Geschichte, die Klarheit des Verlaufs, die rührende Abwesenheit von Sadismus, Pathologie und Perversion zumal künden wahrlich von alten Zeiten, unwiederbringlich dahin: Drei Bankräuber haben eine Autopanne und kidnappen einen jungen Mann nebst Gefährt, der harmlos anhielt, um ihnen behilflich zu sein. Er wird ohne sein Zutun in die Straftat verwickelt und hat schließlich zwei feindliche Parteien im Nacken, die Gangster und die Polizei. Zwei Freunde hat der Einsame - einen rechtschaffenen Kriminalbeamten und eine schöne Frau -, aber die wissen nichts voneinander, er selbst kann ihnen nicht trauen, und so wirkt auch das Gute am Verhängnis mit.

Es liegt eine große Melancholie über diesem Buch, wie über allen Geschichten von Goodis. Das tut der Spannung keinen Abbruch, sondern sorgt für eine saugende, beinahe erstickende Intensität. Der Himmel ist schwarz, und es regnet, aber man kann sich nicht niederlegen, denn es ist viel zu kalt. Die Helden kämpfen mit Geist, Gefühl und mit den Fäusten, aber sie stehen am falschen Platz. Die Zeitgleichheit zum französischen Existentialismus ist auffallend: die karge Sprache, der tiefe Ernst der Gestalten, ihre Nachkriegsverlorenheit, ihr bescheidener, trauriger Ehrgeiz, ihr tiefer Wunsch nach Geborgenheit, Familie und einer Zukunft, das alles festgehalten in Schönschrift in einem kleinen, grauen Heft. Und nicht einmal das ist ihnen vergönnt. (Mit Ausnahmen: Die Nacht bricht an geht tatsächlich "gut aus".)

"Als Goodis starb", sagte Truffaut, "war er nicht einmal fünfzig. Er kämpfte gegen seine Verleger, die ihm den Pessimismus in seinen Romanen vorwarfen." Den Kampf hat er verloren, seinen Helden gemäß. Seine Leser hat er gewonnen.

David Goodis: Die Nacht bricht an

Aus dem Amerikanischen von Florian Marzin; Unionsverlag, Zürich 1999; 192 S., 14,90 DM