Es gibt Branchen, die sind noch härter als die Politik. Corinna May hatte gerade den Kampf um die Nachfolge von Guildo Horn gewonnen und freute sich auf den Mai, wo sie Deutschland beim Grand Prix Eurovision in Jerusalem vertreten sollte. Da erfuhr sie am Dienstag, daß ihr Lied Hör den Kindern einfach zu vor einigen Jahren schon einmal gesungen worden war, wenn auch von einem anderen Interpreten und mit einem anderen Text. Nach den strengen Regeln der Eurovision bedeutet eine solches Remake das Aus.

Johannes Rau hat es besser. Am Dienstag gab er das Motto für seine Amtszeit als Bundespräsident bekannt: "Versöhnen statt spalten". Auch diese Melodie war vor Jahren schon einmal zu hören, sogar vom selben Interpreten und mit demselben Text. Und doch wird Rau, der sich die Nachfolge des sozialdemokratischen Präsidentschaftskandidaten nicht einmal erkämpfen mußte, im Mai in Berlin auftreten dürfen und die Endausscheidung vermutlich gewinnen.

Vielleicht braucht auch die Politik eine Aufsichtsbehörde. Sie müßte Politiker aus dem Verkehr ziehen dürfen, die durch ständige Wiederholung langweilen. Es ist ja nicht so - auch wenn es dieser Tage so scheint -, daß alle Akteure, die sich im Kreise drehen, von allein gehen. In der Politik fehlen klare Regeln, auch für die jeweiligen Nachrücker. Im Fall Corinna May wird der Zweitplazierte, die Gruppe Sürpritz, nach Jerusalem fliegen, was kein Schaden für den deutschen Schlager sein muß. Wer würde, wenn es denn sein müßte, Johannes Rau ersetzen?

Es gibt keinen. Rau selber erklärte die Schicksalhaftigkeit seiner Kandidatur vor Schülern im pfälzischen Annweiler: Auf die Frage, warum er ein zweites Mal antrete, erwiderte er, erstens habe der jetzige Amtsinhaber nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung gestanden und zweitens habe es zunächst keine Kandidatin für das Amt gegeben. Zu seiner weiteren Motivation meinte Rau: "Es war nicht meine Idee." Typisch, mögen die Schüler gedacht haben, am Ende ist es immer keiner gewesen. Schon aus diesem Grunde braucht es eine letzte Klageinstanz.

Dann wäre alles ganz einfach. Die Behörde nimmt die Beschwerden entgegen, akzeptiert sie und schickt den geborenen Nachfolger mit seinem neu erschienenen Titel Das Herz schlägt links ins Berliner Finale. Johannes Rau hingegen ließe sich vermutlich zu einer dritten Kandidatur ermuntern. Auch Corinna May will es im Jahr 2000 noch einmal wissen, und im Mai fährt sie trotzdem nach Jerusalem, als Gast.