Der Titel ist verunglückt: Der Sündenfall klingt allzu reißerisch und führt auf eine falsche Spur. Denn es geht weder um Religionsgeschichte noch um den einzigartigen Verstoß gegen eine bis dahin herrschende Moral. Im Gegenteil: Betrug und Fälschung in der deutschen Wissenschaft (so der Untertitel) sind durchaus nichts Außergewöhnliches, wie Marco Finetti und Armin Himmelrath nachweisen. Auch hierzulande wird gemogelt und betrogen, beschönigt oder schlicht abgeschrieben.

Sicher, in erster Linie beschreiben die beiden Wissenschaftsjournalisten den großen deutschen Fälschungsfall, der 1997 die Zeitungsspalten füllte und bei Forschungsorganisationen Bestürzung und heilsame Katharsis auslöste: Der hochangesehene Krebsforscher Friedhelm Herrmann und seine Mitarbeiterin Marion Brach hatten offenbar mehrere Dutzend wissenschaftlicher Publikationen gefälscht, Gutachtergremien getäuscht und Fördergelder in Millionenhöhe betrügerisch eingeworben. Als Mitglied des Senats- und Bewilligungsausschusses der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) war Herrmann dabei selbst Teil jener Hierarchie, die eigentlich über die moralische Integrität der Forschung hierzulande wachen sollte.

Der Schock saß tief. Hatte doch die deutsche Wissenschaft bis dahin ein hehres Selbstbild gepflegt, in dem Betrug und Fälschung angeblich nicht vorkamen. Eine sorgsam gehütete Illusion: Von Ernst Haeckel, der seine berühmten Zeichnungen der Embryo-Entwicklung manipulierte, über David Hilbert, der vermutlich bei Albert Einstein abschrieb, bis hin zu dem Biologen Hasko Paradies, der mit erfundenen Arbeiten Karriere machte, reicht die unrühmliche Tradition wissenschaftlicher Fälschung auch in Deutschland.

Fleißig haben Finetti und Himmelrath all diese Fälle zusammengetragen und mit theoretischen Überlegungen zu den Mechanismen des Forschungsbetriebes angereichert. Zugleich liefern sie eine minutiöse Schilderung des Falles Herrmann/Brach. Bei alldem zitieren die beiden Wissenschaftsjournalisten freilich vorwiegend fremde Quellen. Ihr Buch überzeugt daher weniger durch Originalität, sondern eher als solides Kompendium aller wichtigen Beiträge zur Fälschungsdebatte der vergangenen Jahre.

Auf den letzten Seiten wird es allerdings richtig spannend, wenn die Autoren die Konsequenzen des Falles Herrmann/Brach untersuchen. Zwar schlug die DFG einen "Ehrenkodex für wissenschaftliches Verhalten" vor, dem bald andere Regelwerke folgten. Doch der Willen, die Veränderungen auch wirklich herbeizuführen, sei heute "nicht sonderlich ausgeprägt", konstatieren Finetti und Himmelrath. Im Gegenteil: Etliche deutsche Wissenschaftler bemühten sich bereits, das Rad wieder zurückzudrehen, "die gerade erst erlassenen Richtlinien zu verwässern".

Auch die betroffenen Fachzeitschriften erscheinen nicht gerade im strahlendsten Licht: Von den 47 gefälschten Arbeiten mit Herrmanns Namen waren nach 12 Monaten lediglich 2 zurückgezogen. "Wir waren davon ausgegangen, daß die betroffenen Wissenschaftler von sich aus die Initiative ergreifen", erklärt dazu treuherzig Albin Eser, der Leiter einer der Untersuchungskommissionen im Fall Herrmann. "Über soviel Naivität unter Wissenschaftlern ließe sich eigentlich herzlich lachen, wenn der Anlaß nicht derart betrüblich wäre", bemerken dazu die Autoren.

Wenn die Forschungsorganisationen ihre Anstrengungen für eine gute wissenschaftliche Praxis nicht erheblich verstärken, prophezeien Finetti und Himmelrath am Ende, dann könnten sich die Forscher bald wieder "in einer ebenso prekären Situation wie im Frühjahr 1997 wiederfinden, als sie mit Fug und Recht um ihre Unabhängigkeit fürchteten".