Im September 1851 fuhr Richard Wagner zur Kur nach Albisbrunn. Weg von den Kämpfen und Krämpfen des Züricher Alltags. Das Genie suchte innere Einkehr und Reinigung am Beckenrand der Heilbrunnen. Neun Wochen lang unterzog er sich strenger Diät und den Ritualen innerer und äußerer Wasseranwendungen. Und am Ende war die Prosaskizze für ein neues Stück fertig - Rheingold. Vielleicht kein Zufall: Sein Wasserstück hat in der Wasserheilanstalt Form angenommen. Die Geburt der Tragödie aus dem Geist des Mineralwassers.

Sind die Trinkhallen der Kursanatorien nicht rätselhafte Orte? Die Ausgespuckten des Lebens bleiben dort unter sich. Moribunde und überreizte Gestalten, entnervte und entkräftete Charaktere, die traumgleich die Tage verleben. Wie Insassen einer geschlossenen Anstalt wandeln sie durch luxuriös gekachelte Säle. Im Gleichklang des Plätscherns und Planschens scheint die Zeit nur noch zu tröpfeln. Die Wasserkur - ein mythischer Urzustand des Daseins. Nichts kann da passieren und alles: jähe Triebdurchbrüche, grober Ehezwist, tödliche Liebesdramen - oder ein Weltuntergang. Und klingt, was da immerzu ganz tief aus der Erde dampfend hervorsprudelt und in das Marmorbassin fließt, nicht irgendwie nach Es-Dur?

Wir sind längst nicht mehr in Albisbrunn, sondern auf der Bühne der Stuttgarter Staatsoper und blicken in einen hohen, großzügigen Saal mit altmodischen Handwaschbecken und gekachelten Sitznischen, mit einer Galerie, auf der hölzerne Ruhebänke stehen, und einem großen steinernen Brunnenbecken in der Raummitte. Das Rheingold-Universum ist in Stuttgart eine Trinkhalle. Ein komfortables Marmorverlies. Die phantastische Tiefe des Rheins, die unterirdischen Klüfte von Nibelheim, die freie Gegend auf Bergeshöhen existieren hier allenfalls noch in den wasserbeschwipsten Köpfen der Sanatoriumsinsassen. Und die sind in ihrer gepflegten, mondänen äußeren Erscheinung kaum zu unterscheiden: Die wohlsituierte Wotansippe, die sich gern auf die Ruhebänke der Galerie zurückzieht, die im eleganten Look der zwanziger Jahre gekleideten Rheintöchter mit ihren schicken Unterarmtäschchen, die Riesen im dunklen Anzug wie Loge, Donner und Mime. Sogar Alberich trägt schwarzen Samt. 13 Menschen, gefangen in einem tristen Saal - das ist die Grundkonstellation, die Idee, in diesem Stuttgarter Rheingold. Und die Sage, das Märchen, der Verwandlungszauber? Findet vielleicht woanders statt. Ist womöglich gerade vorbei.

Denn wenn sich die Bühne wie ein Blendenverschluß öffnet, erleben wir keinen archaischen Uranfang der Welt, ausgehend von dem berühmten tiefen Es aus dem Orchestergraben. Da ist zwar ein Dämmerzustand, aber kein Beginnen: Alle Rheingold-Protagonisten stehen während des Vorspiels auf der Bühne, blicken reglos und unverwandt ins Nichts. Als gehe hier der Vorhang noch einmal hoch, und die Figuren seien immer noch da. Nach und nach löst sich ihre Gliederstarre. Leben kommt in den Saal. Die drei Rheintöchter spülen am Beckenrand goldene Trinkschalen ab. Und wenn sich Alberich dann prustend ins Bassin wirft und das Rheingold aus dem Wasser rafft, stellt man verblüfft fest: Der Schatz verströmt gar keinen jungfräulichen Urglanz. Der Dieb schleppt goldenes Zivilisationsgerümpel davon. Luxusschrott, der offenbar nicht zum ersten Mal den Besitzer wechselt.

Schon der Vorabend in Wagners Tetralogie, man ahnt es früh, wird im neuen Stuttgarter Ring des Nibelungen zu einem desolaten Endspiel. Da erlebt man keine leichtgewirkte Exposition der thematischen Ring-Stränge und -Fallstricke, sondern zugleich ihre furiose Durchführung. Da brechen die Machtfragen und Beziehungskonflikte von vornherein existentiell auf. Da sind die sarkastischen Schlußworte Loges mehr Resümee als Prophetie: "Ihrem Ende eilen sie zu ..." Walhall, von Wotan gedacht zur Absicherung seiner Macht, muß gar nicht erst gebaut werden. Man sitzt längst fest in einer solchen Luxustrutzburg, aus der es kein Entrinnen gibt. Beim Einzug nach Walhall klingt das Orchester deshalb auch mehr hohl dröhnend als pathetisch. Loge öffnet Gitterroste im Boden der Halle, und die Götter schreiten hinab in den Keller, während Loge ihnen noch ein paar Freia-Äpfel hinterherpfeffert. Viel tiefer können sich die Schächte des Abgrunds auch in der Götterdämmerung nicht mehr auftun.

Nur einmal dringt frische Luft von außen ein in die hermetische Welt, und die pfeift wahrlich schneidend durch die Ritzen - beim Erscheinen von Erda. Spektakulär öffnet sich ein großes Metalltor, es fliegen die Türen auf. Ein Sturm fegt zu "Weiche, Wotan, weiche" Müll und Plastiktüten in den Raum. Und die Rheingold-Helden werden für einen Augenblick gewahr, was jenseits ihrer Trinkhalle ist: Unwirtlichkeit, Chaos, Weltendunkel. Dann doch lieber in den Keller.

Daß der Basler Ballettchef Joachim Schlömer als Regisseur solche düstere finale Visionen schon im Rheingold offenbart, hat vielleicht auch mit dem dialektischen Konzept zu tun, mit dem in Stuttgart bis zum Frühjahr 2000 ein kompletter neuer Ring entstehen soll. Klaus Zehelein, der Stuttgarter Intendant, läßt die Tetralogie von vier verschiedenen, unabhängig voneinander agierenden Regisseuren inszenieren. Auf Schlömer folgen Christoph Nel, Jossi Wieler und Peter Konwitschny mit jeweils eigenständigen Produktions- und Sängerteams. Und trotzdem soll es ein gemeinsamer Ring werden. Ungebrochene Kontinuität garantiert lediglich die musikalische Leitung von Lothar Zagrosek: Zügig in den Tempi geht er das Rheingold an, changiert präzise zwischen kammermusikalischer Dezenz und expressiver Wucht.