Monatelanger Feriensommer - irgendwann, irgendwo - im geräumigen, verwohnten Holzhaus am Fuße eines kleinen Felsens, nah am See, versteht sich, und der Pilz-Troll-und-Märchen-Wald gleich um die Ecke. Blaubeerland eben, wie man es sich schon immer vorgestellt hat.

Erzähler: Botvid, genannt Botti, neun Jahre und letzter von Drillingen. Sonst noch: elf Brüder und Schwestern zwischen sechs Monaten und 14 Jahren, ein jungenhafter Vater mit Arbeitszimmer (tippend), eine Mutter mit Atelier (malend), beide nicht die Bohne gestreßt, eigentlich mehr wie ältere Geschwister, lustig und immer da, ohne indes zu stören. Denn jedes der Kinder darf nach seiner Fasson selig werden, die Einzelgänger wie die Zweiergruppen, und manchmal inszeniert man herrlich aufregende Mannschaftsspiele oder unternimmt, 14 Mann hoch, einen Bootsausflug von Expeditionsqualität zu einer benachbarten Schäre. Ab und zu ertönt der Essensgong. Ach ja, eine Uroma gibt es auch, aber die wohnt in einem Hüttchen für sich.

Gefinkelt, wie man ist, traut man solch auffälligem Frieden selbstverständlich nicht. Die Idylle scheint einfach zu dick aufgetragen, als daß nicht jeden Moment mit dem großen Wums gerechnet werden muß. Gleich, denkt man, wird sich ein Problem anmelden, die nachgerade peinliche Idylle gleichsam entschuldigend, um sie schließlich - so, jetzt machen wir wieder Ernst! - ein für allemal in der Versenkung verschwinden zu lassen. Es böte sich zum Beispiel ein Unfall an (bei elf frei laufenden Kindern eigentlich vorprogrammiert), schwelende Trennungsabsichten der überforderten Eltern könnten sich herausstellen oder wirtschaftliche Sorgen, die ausgerechnet diese großen Ferien zum allerletzten, daher so unvergeßlichen Aufenthalt im Blaubeerland machten. Was eben in modernen Kinderbüchern so angesagt ist.

Nichts davon bei Olof Landström (dem Vater von Nisse, der die neue Mütze bekam). Nemesis hat keinen Zutritt. Die Aufregungen erschöpfen sich im Entdecken einer Höhle im Felsen, im traditionellen Apfel-Klau-Tag mit Spionen und Fallgrube, im Vorbeimüssen an weidenden Kühen, in Uromas Feuerwerk Marke Eigenbau und dem Nachtlager auf der Schäre, als es erst so doll regnete und dann zu dunkel war, um noch zurückzurudern und Papas Hose am Lagerfeuer verkokelte.

Irgendwann hört man auf, eine Pointe zu erwarten. Man findet sich damit ab, daß nichts passiert und sich tatsächlich nur zuträgt, was die Kapitelüberschriften versprechen: Dies und das, Etwas über Karl, Wenn es regnet, Der Weg zum Dorfladen, Märchen im Pilzwald, Als Urgroßmutter hundert Jahre alt wurde, Der traurige Tag ...

Die Unschuld des noch nicht verlorenen Paradieses liegt über Bottis neunjähriger Welt, in die das Leid bislang keinen Eingang gefunden hat, dafür rund um die Uhr Kurzweil und Wunder geschehen. Es ist nicht ganz auszuschließen, daß der eine oder andere Leser sich nach einer Weile sacht gelangweilt fühlt ob so viel Unschuld und Distanzmangel. Daß der Wunsch nach einem Plot, nach ein bißchen Geheimnis ihn rascher blättern läßt, als er liest. Aber das ist ein rein individuelles Problem derer, die nicht mehr neun sind.

Olof Landström: