Es erwischt ihn im Schwimmbad, als er nackt vor seinen Klassenkameraden steht. Sperrangelweit reißen sie die Tür der Umkleidekabine auf: "Seht euch bloß mal diesen kleinen Zizi an!!" Nur wenige Sekunden reichen aus, um Martins beschauliche Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen. Stéphane Poulin malt die Szene der Enthüllung von oben - nicht einmal dem Betrachter des Bilderbuches kann Martin entkommen. Wie ertappt erstarrt er, umringt von der Menge johlender Jungs, die an ihm einen "Makel" entdecken, von dem er bislang nichts wußte, sein Zizi ist offensichtlich zu klein geraten.

Als "unmännlich" stigmatisiert, beginnt für Martin nun eine Leidenszeit. Er fängt an, seinen Körper und vor allem den Zizi zu studieren. Wie ein Forscher betrachtet er ihn heimlich unter der Bettdecke, eine Lupe liegt bereit, um dem vermeintlichen Defekt zu Leibe zu rücken. Daß die Größe des Zizis im Leben eines Jungen und Mannes so entscheidend sein soll, wird durch eine weitere Unterstellung der anderen verstärkt: "Mit einem kleinen Zizi kann man keine Babys machen." Für Martin stürzt eine Welt zusammen, denn gerade die so geliebte Klassenkameradin Anaïs hat ihm gestanden, sich später einmal zehn (!) Babys zu wünschen. Die Zukunft als Mann scheint damit versperrt.

Doch wer vermutet, Autor und Illustrator entwickelten hier ein Psychodrama, der irrt. Der Ernst der Lage hat wenig Chancen: Die Hauptfigur, x-beinig und kurzsichtig, ein kleiner Woody Allen mit resignierter Mimik, riesiger Brille und trister Schuluniform, verhindert jeden Betroffenheitsgestus. Die grotesk überzogene Bildsprache tut das Ihrige: Extreme Auf- und Untersichten wechseln mit Großaufnahmen ab, die Kinder sind zugleich alt und kindlich, komisch und häßlich, karikaturhaft und doch liebenswert. Das Mitleid des Lesers und Betrachters mit dem gehänselten Jungen wird dadurch immer wieder vom puren Vergnügen abgelöst.

Ein Bild der besonderen Art: Martin und seine angebetete Anaïs sitzen auf einer Bank. Mit bangem Blick schaut sich der Junge um: Hinter ihm landen zehn Babys mit Fallschirmen (vom Storch abgeworfen?), eins bereits bebrillt. Die Liebste hat die Hände wie zum Gebet gefaltet, es bloß nicht unter zehn zu belassen. Martins Lebensperspektive wirkt sichtbar bedroht.

Natürlich kann man sich amüsieren, über Martins liebenswerte Ängste um seinen Zizi, es lassen sich aber auch die psychischen Folgen der Stigmatisierung wahrnehmen, die ein Kind treffen, besonders dann, wenn über den eigenen Körper gespottet wird. Nachdenklichkeit und Humor bilden hier keine Gegensätze.

Doch Martin gibt sich nicht geschlagen: Jeden Abend übt er "hinten in seinem Garten Weitpinkeln ... und jeden Abend schaffte er es ein bißchen weiter. Es klappte. Martin wurde ein richtiger Champion, auch wenn seine Eltern ihn für ein ganz klein bißchen plemplem hielten." Und spätestens hier wird man auf die Rolle seines treuen Begleiters, eines kleinen Hundes aufmerksam, visueller Kommentar und frühe gute Hoffnung zugleich: Auf dem Buchrücken schnauft er schließlich hochschwanger.

Doch greifen wir nicht vor: Am Ende unserer wahren Geschichte siegen die Gefühle über den vermeintlichen Mangel. Statt des kleinen Zizis ist es die große Liebe, die Martin beschäftigt. Nicht die schlechteste Alternative!