Natürlich ist es nicht der Auftrag einer Weltmacht, geliebt zu werden - und mit Dankbarkeit kann sie nicht rechnen. Amerika, das im Grunde seiner Seele womöglich noch immer eine Weltmacht wider Willen sein mag, mußte sich damit abfinden, daß es (im Glücksfall) respektiert und (im Konfliktfall) gefürchtet wird: So will es das Geschick des "neuen Roms" am Potomac, das - wie das klassische Vorbild - eine Zivilisation geschaffen hat, die in jeden Winkel des Erdkreises vordrang.

Aber was ist mit uns? Wir nehmen die Vorzüge der Pax Americana mit bequemer Selbstverständlichkeit hin, fahren erschrocken auf, wenn ihre Regeln durchbrochen werden (wie in den verdunkelten Regionen des Balkans) und überlassen uns im übrigen den Ressentiments, die wie ein Stachel im Fleisch unserer Seele hocken: einem dumpfen und zugleich so hilflosen Aufbegehren gegen die Dominanz der Supermacht, die Hubert Védrine, der Außenminister Frankreichs, zur "Hypermacht" befördert hat. Anders als unsere Nachbarn jenseits des Rheins wagen wir selten die Konfrontation. Wir wissen gut genug, wer über eine halbwegs verläßliche Autorität in den Weltgeschäften verfügt - trotz des puritanischen Narrenspiels um Monica Lewinsky.

In Wahrheit starren wir voller Neid auf die sinkende Arbeitslosigkeit und auf das triumphierende Wachstum in den Vereinigten Staaten, ohne uns zu einer radikalen Reform unserer verkarsteten Ordnung entschließen zu können. Wie gern ziehen wir uns, aus dem schmerzlichen Bewußsein unserer Impotenz, in die törichte Behauptung zurück, das Beschäftigungswunder dort drüben sei nichts als eine Wucherung miserabel entlohnter McJobs. Dies ist blanker Unsinn, aber er tätschelt unseren verletzten Stolz, der sich seit Urgroßvätertagen links wie rechts in einem herrischen "Kulturhochmut" äußert, für den es - angesichts der deprimierenden Bilanz unserer Geschichte - nicht den geringsten Anlaß gibt. Vielmehr haben wir Grund, den Antiamerikanismus (wie jede Obsession) für eine Krankheit zu halten: nicht nur bei uns.

Auch die Franzosen, die Europa lieber heute als morgen zum Gegengewicht des transatlantischen Giganten emporwuchten würden - sie vergessen zuweilen, daß sie in diesem Jahrhundert von Amerika zweimal gerettet wurden. Ein Buch über die Verkrampftheit der amerikanisch-französischen Beziehungen, das eben in Paris erschien, trägt denn auch den präzisen Titel Les pires amis - die schlimmsten Freunde.

Es trifft wohl zu, daß die Vereinigten Staaten immer wieder eines Korrektivs bedürfen. Die Europäische Union mag zu einem Ausgleich fähig sein, wenn sie sich endlich bereit findet, nach dem Euro auch die Instrumente einer gemeinsamen Außenpolitik und der Sicherheit zu schaffen. Dennoch darf man daran zweifeln, daß Europa dazu taugt, sich ins Konzept eines "globalen Gaullismus" zu fügen, der nichts anderes als der verlängerte Arm nationaler Ambitionen wäre. Die Polen, die Tschechen, die Ungarn suchen nicht bei den Europäern und gewiß nicht bei Frankreich einen zuverlässigen Schutz vor dem ungemütlichen Nachbarn im Osten, sondern bei den Amerikanern.

Die wahren Machtverhältnisse ändert kein näselnder Protest gegen den "Imperialismus" der Vereinigten Staaten, auch und erst recht nicht an der Kulturfront. "Man muß die Titanic versenken", rief der Produzent Claude Berri, als er seinen Asterix-Film zum teuersten Projekt des französischen Kinos hochstemmte. Die Kritik bescheinigte ihm, daß er nicht mehr als eine Demonstration strampelnder Mittelmäßigkeit zustande gebracht hat. Um Hollywood zu besiegen, müßte man erst einmal so gut wie Hollywood sein.