Wo ziehen die Gedanken hin? Verharren sie in unserem südfranzösischen Winkel, in dem wir für den Rest unserer Tage bleiben wollen, in dem wir ein Häuschen gebaut und unseren Garten bestellt haben, wo die Nachbarn grüßen und auf der Dorfstraße gern für einen Schwatz einhalten? Oder wandern sie nach Virginia hinüber, wo die Luft flimmernd über den Wäldern steht und die Berge nur noch eine Ahnung hinter dem weißblauen Dunst des Septembers sind: letzte Glorie des Sommers, ehe sich das Laub rot und gelb verfärbt - Farben, die leuchten wie sonst nirgendwo auf der Welt?

Manchmal, nicht zu oft, kehren sie nach Schwaben zurück, in das Städtchen am Neckar, in dem sich das Gemüt des Knaben an manchen Abenden hoch über die Dächer hinaufschwang, wenigstens bis zu den Zinnen des ländlichwuchtigen Turms der Sankt-Laurentius-Kirche. Oder zu den Sonntagen, an denen Kapellmeister Greis zum Taktstock griff und die Trompeten gleißen, die Hörner schwelgen, die Klarinetten hopsen, die Fagotte blöken und die Pauke dröhnen ließ, während die Tuba im Takte mitrülpste wie eine besoffene Kuh. Die Blechbläser nutzten jede Pause, sich mit großen Sacktüchern den Schweiß von den Glatzen zu wischen und - das vor allem - die Mundstücke abzuschrauben: Aus den Röhren ihrer Instrumente ergossen sich allemal, von dem Rotzbuben bestaunt, Ströme von Spucke aufs Nürtinger Pflaster.

Dies schien dem Knaben, aus welchem Grunde auch immer, überaus männlich, wenngleich nicht behaglich zu sein. Vielleicht ahnte er einen Zusammenhang mit den Bier- und Mostkrügen, die von den Musikanten immerzu in langen Zügen geleert wurden. Er hätte sich nicht träumen lassen, daß er mehr als ein halbes Jahrhundert später in unserem südlichen Winkel rotgesichtige Mädchen aus Schwaben - manche ein wenig stämmig, andere schlank, adrett allesamt - bei der nämlichen Verrichtung beobachten würde: wie sie fachgerecht und unbefangen ihren (wie wir annehmen) feineren und zarteren Speichel aus den Hälsen der Trompeten schüttelten, wenngleich nicht in gleicher Üppigkeit wie die Bläser des Nürtinger Musikmeisters Greis.

Dafür handhabten die zahlreichen Damen des Blasorchesters von der Alb ihre Instrumente mit einer Virtuosität - in schönster Harmonie mit den takt- und tonsicheren Herren -, die alle Nürtinger Künste weit hinter sich ließ, obschon das Städtchen am Neckar damals zehntausend Bewohner zählte, während das bescheidene Dorf, aus dem die Kapelle zu uns in den französischen Süden reiste, nur neunhundert Seelen aufweist, irgendwo hinter Bad Urach gelegen, eingebettet in die melancholisch karge Lands chaft des schwäbischen Berglandes: einiges Fachwerk, Pferde, die in der Umgebung gezüchtet werden, und viele Schafe, die dekorativ auf den Wiesen herumstehen.

Der junge Bürgermeister - im Hauptberuf Polizeibeamter - und der Kapellmeister verrieten dem Publikum unseres provenzalischen Nestes nicht, wie sie es anstellten, in ihrem Flecken ein Orchester von fünfzig Bläsern zu rekrutieren - und eines, das es in sich hat: daran gab es schon nach der Ouvertüre keinen Zweifel. Mit schwellend-orgelndem Vollklang ließen sie die französisch-barocke Eurovision-Musik durch unsere Festhalle rauschen. Monsieur le Maire horchte auf, und sein erster Stellvertreter spitzte den Mund: der eine Apotheker, der andere Arzt, dem wir das Pflegeheim für die Alten und Siechen verdanken, alle beide Zeugen für die enge Verbindung zwischen der Heilkunst und der Lokalpolitik, die in Frankreich so üblich ist.

Die schwäbische Musik schoß dem Apotheker und dem Doktor rasch ins Blut. Als das Ensemble zu einem pot-pourri französischer Melodien anhub, das der Dirigent eigens für diesen Auftritt arrangiert hatte, sangen die beiden aus vollen Hälsen und mit ihnen der halbe Saal, den Rosa, die kleine und energische Dame italienischer Herkunft, einst unsere Briefträgerin, als Mitglied des Festkomitees in ehrenamtlicher Eigenschaft dekoriert hatte. "Au pres de ma Blond ...", "Viens, viens, viens, ma Nanette ..." sangen Gemeindevorstand und das Volk von Port Madeleine mit wachsendem Enthusiasmus, "Sur le pont d'Avignon ..." und "Quand reviendra le temps des cerises ..."; gefühlsstark erklang danach das nie verwelkende Lied: "Boire un petit coup, c'est agréable ..." Unsere lokalen Tenöre, Baritone und Bässe zeigten, daß sie eindrucksvolle Dezibel-Ziffern produzieren konnten, überstrahlt von den Sopranen, die dank der Begeisterung manchmal in Höhen hinüberschwappten, die ihnen durch Natur und Kunst nicht geschenkt waren.

Seit einigen Tagen belebten die Musikanten aus Schwaben unsere Gassen mit ihren rot-grün-braunen Trachten. Sie hatten die Stimmung dieser Saison durch ein Platzkonzert belebt und auch drüben auf dem Markt von Saint-Tropez aufgespielt. Die soirée franco-allemande in der salle de fête war der Höhepunkt ihrer Visite. Artige Ansprachen zu Beginn, von denen nicht weiter die Rede sein müßte, wäre Monsieur le Maire nicht auf den Einfall geraten, den ältesten und den jüngsten der Musiker an seine Seite zu bitten: der eine über siebzig, der andere eben fünfzehn geworden. Der Veteran, sagte der Bürgermeister, habe die ganze Bitterkeit des Jahrhunderts und die Bosheit des nationalistischen Furors am eigenen Leibe erfahren. Er habe Frankreich als Soldat der Wehrmacht und somit als Feind kennengelernt. Nun sei er als Freund wiedergekommen. Der junge Mann zu seiner Rechten aber: für ihn sei die Union der Europäer eine selbstverständliche Realität, die zu seinem und zu unserem Leben auf ganz natürliche Weise gehöre. Der Applaus der Bürger war herzlich.