Zum Abendessen hatte es gesalzenen Fisch gegeben mit einer dünnen Scheibe Papaya, und zum Frühstück hatte der Koch eine eiserne Ration aufgetischt - mit Zwiebeln aufgekochtes Corned beef und Reis. Beinahe wäre eine Meuterei ausgebrochen. Erst in Port Kelang kam neuer Proviant an Bord. Eine Dose Orangensaft zum Mittagessen anstatt, wie üblich, Wasser stellte den Frieden wieder her.

Jetzt gleitet die Sinar Surya, ein japanisches Containerschiff unter panamaischer Flagge mit philippinischer Besatzung und koreanischem Kapitän, aus dem malaysischen Hafen meerwärts. Das bleigraue Flußwasser wölbt sich wie unter einer Spannpresse in der Nachmittagshitze. Auf dem rechten Ufer undurchdringliche Mangrovenwälder. Ein Seeadler zieht Kreise. Auf dem linken Ufer Landungsbrücken, Frachtkräne und Öllager. Der Fernschreiber im Ruderhaus tickert eine Piratenwarnung an alle Schiffe in südostasiatischen Gewässern:

"Info aus dem Seegebiet Spratlyinseln. Zwei Frachter von Militär oder als Militär posierenden Fahrzeugen angehalten, Mannschaften beraubt. Info von Schiff vor Anker in Muara Jawa, Indonesien. Seemann gefesselt und beraubt, Bootsmannlager aufgebrochen. Täter durch Ankerkettenloch entkommen. Info von Schiff vor Anker in Bontang, Indonesien. Vorschiff von sechs mit Messern bewaffneten Piraten ausgeraubt. Info von Tanker auf Durchfahrt durch Straße von Singapur. Kapitän von Piraten um 20 000 Dollar beraubt. Info MV Hong Peng, 50 000 Dollar Belohnung für Hinweise zur Auffindung des seit 26. 12. 98 überfälligen Frachters ..."

Die Sinar Surya ist so lang wie zwei Fußballfelder und so hoch wie ein Mietshaus. Sie fährt einmal wöchentlich von der indonesischen Hauptstadt Jakarta über Singapur nach Port Kelang. Und von Port Kelang zurück nach Jakarta. Durch die Straße von Malakka und die Straße von Singapur, durch das südchinesische Meer, den Gaspar-Archipel und die Javasee. Die piratenverseuchtesten Gewässer der Welt.

Meist geht es um den Schiffstresor und das Hab und Gut der Crew

Das zweitälteste Nebengewerbe der Seefahrt blüht. Die Techniken der Seeräuberei sind nicht mehr ganz dieselben, wie sie uns auf einer 2700 Jahre alten, im Britischen Museum in London ausgestellten Schüssel der frühgriechischen Renaissance begegnen: Eine Galeere stößt da gerade mit ihrem im Bug angebrachten Rammbaum in den Rumpf eines Handelsschiffes. Doch an den Motiven hat sich vermutlich wenig geändert. Meistens geht es den Piraten des ausgehenden 20. Jahrhunderts um den Schiffstresor und das Hab und Gut der Crew.

Manchmal wenden die modernen Freibeuter modernste Methoden an. Im Januar 1998 pumpten sie kaltschnäuzig eine Million Liter Marinediesel von einem nördlich von Singapur gekaperten Supertanker um. Hin und wieder operieren sie mit urzeitlicher Brutalität. 67 Seeleute wurden 1998 von Piraten ermordet. Niemand weiß, was aus der Crew des im Südchinesischen Meer gekaperten Frachters Tenyu wurde. Das Schiff landete drei Monate nach seinem Verschwinden mit komplett neuer Mannschaft in dem chinesischen Hafen Zhangjigang, um seine Ladung, 3000 Tonnen Aluminiumbarren, zu löschen. Fischer holten Ende letzten Jahres im gleichen Seegebiet 6 von 23 auf dem Schüttgutfrachter Cheung Son mit Maschinengewehren niedergemachten und über Bord geworfenen Seeleuten in ihren Netzen auf.