Berlin

Wenn sich Klaus George auf seinem Bürosessel zur Wand dreht, blickt er auf Helmut und Hannelore Kohl. Gelb und weiß leuchtet das Feld, durch das der Exkanzler und seine frohgemute Gattin ziehen - quer durch "Blühende Landschaften", wie der Künstler des Bildes unübersehbar vermerkt hat. Aber was entdecken die beiden inmitten der Blütenpracht? Hammer, Zirkel und Ährenkranz, das Emblem der DDR.

George ist Herr im Hause von Wirtschaft & Markt, dem einzigen ostdeutschen Wirtschaftsmagazin von Format. Das heißt, der 61jährige Sachse ist Chefredakteur, Gesellschafter und Geschäftsführer in einem, dazu nach eigener Definition Organisator, Seelsorger, Schreiber, Zirkusdirektor, Vorwärtsstratege. Der Besucher ergänzt: Energiebolzen, Schnellredner, Selbstdarsteller, Verkäufer - und vor allem das leibhaftige Beispiel dafür, wie ein Journalist aus dem Osten zum erfolgreichen Existenzgründer auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt werden konnte.

An Erfahrung mangelt es dem zappeligen Allesmacher nicht. Von der Lehre bei Rockefeller (das war eine Gärtnerei in Dresden) über Abitur an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät und Studium der Volkswirtschaft brachte er es bis zum Ressortleiter Wirtschaft bei der Neuen Berliner Illustrierten, der beliebten NBI. George betont, er habe beträchtlichen Spielraum genossen; er konnte reisen ("Ohne Berichte abzuliefern, das kann ich beschwören"), las Spiegel und Welt, sah Westfernsehen. Dann fiel die Mauer, und George heuerte im Kapitalismus an.

Die Chance dazu bot der Verlag Gruner + Jahr, dessen Zeitschrift impulse einen Unternehmerbrief für Ostdeutschland gründete. George wurde verantwortlicher Redakteur und erklärte seinen Ossis zwei Jahre lang, wo es im goldenen Westen langgeht.

Der Kapitalismus-Lehrling reüssierte und stieg als Chefredakteur in ein biederes Verbandsblättchen namens Wirtschaft & Markt ein, das von den ostdeutschen Unternehmerverbänden herausgegeben wurde. Im Mai 1993 erschien das erste Editorial des neuen Chefredakteurs George. Es begann mit einem Zitat aus der ZEIT und schloß mit dem programmatischen Satz: "Es wird Zeit, daß über die wahre Situation der ostdeutschen Wirtschaft Klartext geredet wird."

Ein halbes Jahr später wurde das Magazin geliftet, es bekam ein neues Titelblatt, und Klaus von Dohnanyi schrieb die erste seiner nun monatlichen Kolumnen. Inzwischen sind die Unternehmerverbände nur noch stille Teilhaber, George ist für das Blatt allein verantwortlich. Genau besehen ist er sogar der einzige festangestellte Redakteur, der von seinem Büro unweit des Berliner Spittelmarkts eine etwa zehnköpfige Mannschaft und eine Truppe von freien Schreibern dirigiert. Jeden Monat erscheint das Magazin mit maximal 100 Seiten ("Mehr verachtet der Ossi") und reichlich Anzeigen in einer Auflage von 40 000 Exemplaren.