Jahrelang waren die kuwaitischen Anteilseigner bei Hoechst so etwas wie der ruhende Pol. Mochten die kritischen Aktionäre nach der Störfallserie 1993 noch so nerven - auf die Stimme der Kuwaitis bei der Hauptversammlung war Verlaß. Nahmen sich die Arbeitnehmervertreter den Hoechst-Chef im Aufsichtsrat zur Brust, weil sie beim geplanten Ausstieg aus der Chemie um Arbeitsplätze bangten - auf die Unterstützung des kuwaitischen Vertreters konnte Jürgen Dormann zählen.

Erst in jüngster Zeit machen die Araber Streß. Kaum war die geplante Fusion von Hoechst und seinem französischen Wettbewerber Rhône Poulenc zum zweitgrößten Pharmaunternehmen der Welt verkündet, meldete sich Scheich Saud Nasser al-Sabah zu Wort: "Wir haben Vorbehalte, diese Fusion dient nicht unseren Interessen", verkündete der Mann an der Spitze der Kuwait Petroleum Corp. Das Unternehmen hält über eine Holding knapp ein Viertel der Hoechst-Aktien und besitzt somit de facto eine Sperrminorität. Entsprechend ernst nahm Hoechst-Chef Jürgen Dormann die Bedenken und reiste mit seinem Gefolge eilig in den Orient. Doch offensichtlich konnten die Pilger aus dem Abendland den Scheich nicht vollständig bekehren. Bei der Aufsichtsratssitzung Anfang dieser Woche nahm Dormann das Projekt Aventis von der Agenda: Kuwait hatte eine komplette Änderung des Fusionsfahrplanes erzwungen.

Laut Hoechst war das Gespräch mit dem Hauptaktionär zwar so "konstruktiv", daß die Fusion, die ursprünglich in einem komplizierten Zweistufenmodell bis 2001 vollzogen werden sollte, schon in diesem Jahr abgeschlossen werden könnte. Doch das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Die Beschleunigung ist gleichzeitig eine Verzögerung. Statt beim regulären Aktionärstreffen Mitte Mai soll Hoechst nun "auf einer außerordentlichen Hauptversammlung im Juni oder Juli die Zustimmung seiner Aktionäre" einholen. Bis dahin müssen die Manager noch kräftig nacharbeiten. Solange die Abspaltung der verbleibenden Chemieaktivitäten und die Fusion mit Rhône Poulenc nicht abgesegnet ist, steht wieder alles zur Disposition.

Besonders der erzwungene Verzicht auf das Zweistufenmodell wird Dormann noch zu schaffen machen. War dies doch der Kompromiß im Streit um das Beteiligungsverhältnis. Leichtfertig hatte der Hoechst-Chef mit den Franzosen ein merger of equals vereinbart; Deutsche und Franzosen sollten zu gleichen Teilen im neuen Unternehmen vertreten sein. Das jedoch, merkten Kritiker sogleich an, würde die Hoechst-Aktionäre benachteiligen, schließlich können die Deutschen einen höheren Börsenwert und einen größeren Pharmaumsatz vorweisen. Nach dem Verkauf der Chemieaktivitäten hätte Hoechst zudem mehr Geld auf dem Konto. Als man sich bei Hoechst des Problems bewußt wurde, war es schon zu spät. Die Franzosen, für die Gleichberechtigung eine Frage der nationalen Ehre zu sein scheint, beriefen sich auf die Abmachung vom Dezember. Als gesichtswahrende Lösung für alle Parteien wurde vereinbart, daß Aventis zwar als 50:50-Joint-venture gegründet werden, bei der Verschmelzung der beiden Pharmagesellschaften auf das Straßburger Unternehmen jedoch Hoechst einen höheren Anteil haben sollte. Dieser Weg ist nun versperrt. Franzosen und Deutsche müssen sich an den Verhandlungstisch setzen, um in aller Eile einen neuen Kompromiß zusammenzuschustern. Ob es wirklich beim merger of equals bleibt, wie Hoechst erneut gelobte, ist fraglich. Den Kuwaitis kann das gleichgültig sein. Und wenn ihnen das Ergebnis nicht paßt, können sie ihre Anteile allemal noch verkaufen.