Ulrich Greiner bringt es auf den Punkt: Literarische Unbildung wird in der Öffentlichkeit nicht mehr kaschiert, sondern geradezu zur Schau gestellt. Unlängst begegnete mir ein Dr. phil., der über ein zeitgenössisches literarisches Thema promoviert hat und stolz verkündete, er habe Goethes Faust nie gelesen - und auch nicht lesen müssen. Da fragt man sich dann schon, ob ein Kanon nicht doch nötig wäre ... Doch auch er löst das Problem der allgemeinen (nicht nur literarischen) "Lesefaulheit" nicht. Nach der "Ära Gutenberg" haben Film und Fernsehen das Bild in den Vordergrund gedrängt. Nichts gegen das Bild als ästhetisches und emotionales Mittel - problematisch ist die dem Bild zugebilligte Ausschließlichkeit, die gefördert und gefordert wird.

Aber nun wird am Horizont ein Silberstreifen sichtbar: Über die Hintertreppe betritt wieder "Gutenberg" das Haus der multimedialen Zukunft. Analphabeten (auch funktionale Analphabeten) können am Computer nicht einmal spielen. Sie müssen - erst recht bei anderen Anwendungen - lesen (können): die kiloschweren Handbücher wie den Bildschirminhalt. Beim Internet geht es sogar einen Schritt weiter: Wer nicht nur suchen, sondern in der Informationsflut auch etwas finden will, muß lesen, verstehen und abstrahieren können. Wer im "globalen Dorf" per E-Mail kommunizieren will, muß wieder schreiben (lernen). Daß es da mit der Rechtschreibung noch gewaltig hapert, sei unwidersprochen, aber: Es wird wieder viel mehr gelesen und geschrieben als vor zehn Jahren. Darum führt Greiners Gegensatzpaar Windows versus Antigone in die Irre: Vom Computerbildschirm führt zwar keine direkte Autobahn zur (Wiederentdeckung der) Literatur, aber viele kleine Landstraßen und Stege; auf jeden Fall mehr als vom TV-Bildschirm aus.

Franz Csiky Bruchsal

Nichts gegen einen Kanon, den die ZEIT veröffentlicht, oder die Büchergilde in ihrem Katalog. Von mir aus darf man ihn auch von den Kirchenkanzeln singen. Aber Sie machen sich, glaube ich, keine Vorstellungen, was er in den Händen von LehrerInnen und Kultusbürokratien bewirkt. Hier wird der Kanon nämlich ganz schnell zur Kanone, mit der auf lebende SchülerInnen geschossen wird. Es ist ja nicht so, daß es diese schwere Waffe in der Hand der "Volksbildner" gegen die jungen Gehirne derzeit nicht gäbe. Schauen Sie mal die Lehrpläne an. Damit wird tagtäglich scharf geschossen. Die Verletzten in den Deutschklassen der Nation können einen Kanon davon singen.

Lutz Rohrmann Edingen-Neckarhausen

In den siebziger und achtziger Jahren löste eine pädagogische Reform die nächste ab. Dieser Prozeß wurde angetrieben von der Vorstellung, daß das Pech, einen schlechten Lehrer zu haben, oder das Glück der wohlhabenden Geburt nicht mehr benachteiligend für die Ausbildungslaufbahn sein sollte. Es gab eine gesellschaftliche Vision, und Bildungspolitik war ein Instrument zu ihrer Realisierung. Mit dieser zielgerichteten Gestaltung der Gesellschaft durch Bildung ist es nun, Ende des 20. Jahrhunderts, vorbei.

Die Kinder werden mit Einrichtungen abgespeist, die erklärtermaßen unzulänglich sind. Bildungspolitik wird zwar thematisiert, in sie wird aber nicht mehr investiert. Wenn in unserem Lande wie auch in den Nachbarländern die Schüler und Studenten immer mal wieder auf die Straßen gehen, so wird das zwar registriert, in den Medien mit Besorgtheit dokumentiert und kommentiert, aber nicht ausreichend analysiert und von den Verantwortlichen umgesetzt.