Als Peter Stuyvesant 1626 Neu-Amsterdam gründete, ließ er im Süden Manhattans, zwischen den Docks am East River und den Anlegern am Hudson, einen Wall aus Planken und Unterholz errichten. Die Barriere, die entlang eines schmalen Pfads verlief, sollte vor Indianern schützen und eine Sperre für das Vieh sein. Aus dem Pfad wurde die Wall Street - ein Zentrum für Kommerz und Hochfinanz.

Der Wall verschwand. Die Wall Street aber blieb eine Barriere - nicht für Rothäute und Rindviecher, sondern für Ausländer, die nach Amerika drängten. Kein Geldkonzern aus Übersee hat es bis heute vermocht, auf dem größten Finanzmarkt der Welt wirklich Fuß zu fassen. Im Süden Manhattans dominieren die aggressiven Spezialisten von Goldman Sachs oder Merrill Lynch.

"Die einen machen Geld", sagt Kurt Viermetz, früher Vize beim Geldhaus J. P. Morgan, "für die anderen ist das Wall-Street-Engagement oft eine Serie von Vergleichsfällen." Das gilt nicht nur für die Deutsche Bank, die Millionen für den Durchbruch an der Wall Street ausgab - und am Ende vor einem Scherbenhaufen stand. Mit der Crédit-Suisse-Tochter First Boston plazierte sich 1998 nur ein einziges halbwegs ausländisches Finanzinstitut unter den Top ten im amerikanischen Investmentbanking. Weder bei Aktienemissionen noch bei der Fusionsberatung oder der Ausgabe von Schuldtiteln spielten Europäer eine wichtige Rolle. "Ausländer sind Nischenanbieter", findet Viermetz.

Die Amerikaner dagegen schlagen die Konkurrenz aus der Alten Welt oft auch auf deren eigenem Terrain: J. P. Morgan war Konsortialführer bei der Erstausgabe von Swisscomm-Aktien und beriet BP bei der 55 Milliarden Dollar teuren Fusion mit Amoco. Goldman Sachs führte Daimler an die Seite von Chrysler; Morgan Stanley Dean Witter wurde 1998 der größte Emittent von Risikoanleihen in Europa und brachte die Aachener und Münchner Versicherung mit der Assicurazioni Generali zusammen. Kein einziges europäisches Geldhaus verdiente im vergangenen Jahr mit Fusionen und Firmenübernahmen soviel wie Morgan und Goldman. In diesem besonders lukrativen Geschäft landete die Deutsche Bank - auf ihrem Heimatkontinent - abgeschlagen auf Platz zehn.

Unterschiede in den Firmenkulturen, dem Geschäftsgebaren oder der Ausbildung spielen bei der Überlegenheit der US-Finanzjongleure ebenso eine Rolle wie die breite Streuung von Spezialisten und Investmentprofis am Finanzplatz New York, die multikulturelle Offenheit Amerikas und die globale Ausrichtung seiner Konzerne. Wichtiger noch: Während in Europa die Universalbanken jahrzehntelang kaum Konkurrenz zu fürchten hatten, mußten sich die Geldhäuser in den USA früh spezialisieren. In einem harten Wettbewerb wurden sie schlagkräftig, effizient und innovativ.

Per Gesetz zum harten Wettbewerb gezwungen

Der Grund: das Glass-Steagall-Gesetz, das schon kurz nach der Weltwirtschaftskrise Amerikas Universalbanken in Geschäfts- und Investmentbanken zerschlug. Beide Branchen konzentrierten sich zunächst auf unterschiedliche Kunden und Produkte, bevor die Deregulierung des Finanzmarkts in den sechziger und siebziger Jahren den Wettbewerb zwischen den Geldhäusern verschärfte, die Einführung neuer Finanzinstrumente beschleunigte und viele Großkunden in die Arme der Investmentbanken trieb. Pleiten und Bankenfusionen waren die Folge - aber auch eine größere Konkurrenzfähigkeit und Leistungskraft der übriggebliebenen Institute. "Die Branche", resümiert Jeff Schaefer, ein Wall-Street-Veteran bei der Securities Industries Association in New York, "wurde getestet, gestählt und ist heute stärker und anpassungsfähiger als jemals zuvor."