Die ZEIT-Leser, die seit vielen Jahren die kompetenten sprachkritischen Beiträge ihres Hauslinguisten Dieter E. Zimmer schätzen, müssen von dieser oberflächlichen Schönrednerei von elementaren Strukturveränderungen unserer Sprache enttäuscht sein. Schon die Überschriftsphrase vom Sprachwandel (welchem?) als Ausweis von Lebendigkeit ist purer Leichtsinn: Es sollen schon Sprachen ausgestorben sein (vielleicht weil sie sich zu sehr an vermeintlich überlegene angepaßt haben). Wieso soll es keine Fehlentwicklungen geben? Wir erkennen doch innerhalb einer Kultursprache durchaus unterschiedliche Ausdrucks- und Abstraktionsstufen an, etwa Hochsprache gegen Dialekte. Warum sollte die Hochsprache nicht bei Nachlässigkeit über längere Zeit ihre spezifischen semantischen und grammatischen Feinheiten verlieren? Ich könnte gegen Frau Marszks verharmlosend zitierte Jugendsprachmoden ("voll super") eine ganze Reihe tiefgreifender Änderungen anführen:

1. Das Deutsche sinkt heute schon unter gewisse englische Differenzierungspotentiale herab, etwa im Zeitensystem: "Er sah, es regnet" (alles wird zu medialer Gegenwart!) gegen "He saw it was raining". Oder im Bedingungssatz: "Wenn du kommst, würde ich mich freuen." ("If you came, I would be glad.") Oder im Wortschatz, der dann noch dem Englischen entnommen wird: "einen Unterschied machen" (von Sachen und Personen!), aber: "make a distinction" gegen "make a difference".

2. Der Verlust von Wörtern und Wortfamilien: Keiner sagt mehr "meinen" (eine Meinung haben), nur noch "denken" - dafür dürfen jetzt absurderweise Wörter und Texte etwas "meinen", statt wie früher: bedeuten/heißen/besagen. Aber "Meinung" (von Personen) und "Bedeutung" (von Begriffen) sind noch üblich. Stumpfsinnige Anglizismen wie "statement", "ticket", "paper" vernichten je 4 bis 5 eigene Wörter und sind dazu ungenau: Wer kein Ticket löst, bekommt ein Ticket!

3. Ein ganzes Volk gibt unsere komplexe Spannsyntax für kurzatmige Reihung auf: "Ich denke, sie denkt, daß ich habe den Brief geschrieben."

Aus dem Deutschen kann nie ein gleichwertiges "Doinglisch" werden, nur ein Schwachdeutsch! Der Verzicht auf eigene Wortbildung ist auch die Aufgabe sprachlich gestützter deutscher Denk- und Phantasieleistungen. Der Muttersprachler wird uns allemal voraus und überlegen sein, weil er aus dem vollen schöpft, wir aber nur aus dem ohnmächtig Nachgeäfften.

Und was das Totschlagargument "Einmal werden Deutsche auch Goethe nimmer verstehen!" angeht: Was man nicht kennt, kann man nicht vermissen. Niemand wird Deutsch (sowenig wie Latein) vermissen, wenn er mit einer anderen Sprache groß wird. Niemand wird ja auch die Menschheit vermissen, wenn es keine mehr gibt!

Guido Kohlbecher Neustadt/Wied