Seine Großmutter nannte ihn nur den "Kummer von Flandern", ohne zu ahnen, daß ihr Enkel genau das werden würde: ein Nestbeschmutzer nationalen Ranges, um nicht zu sagen, von Weltformat. Im April wird Hugo Claus, der berühmteste Schriftsteller Belgiens, siebzig Jahre alt, und noch immer ist mit ihm kein Staat zu machen. Ernsthafte Ansinnen straft er meistens sofort: Interviewer, die ihn gerne als Gewissen der Nation präsentieren würden, müssen sich auf charmante Ausweichmanöver oder mißlaunige Kargheit gefaßt machen. Zum Klassiker fehlt ihm alles: die Lust am Instanzhaften, ein abgeklärter Spätstil und letztlich - die Botschaft.

Es ist durchaus nicht Koketterie, wenn Claus, der seit fünfzig Jahren gegen Heuchelei, Verdrängung, Korruption und Bigotterie anschreibt, von sich behauptet, daß er den "Unterschied zwischen Gut und Böse" zum letzten Mal als Kommunionskind habe benennen können. Die Spannung zwischen dem katholischen Erbe eines ausgeprägten Sündenbewußtseins und der entschiedenen Absage an den christlichen Dualismus, an jeden abstrakten Moral- und Tugendkanon, prägt sein Erzählwerk bis heute. Daß dessen bisweilen forcierte Abgebrühtheit und wilde Obszönität nichts anderes sind als Masken, Panzer, Schilde eines Wahrheitsdrangs, der wenig mehr hat als sich selbst, wird oft übersehen, besonders in Deutschland, wo man die klaren Scheidungen liebt und sich das Humane ungern anders denkt als mit Sorgenfalten und politisch korrekt.

Über hundert Bücher hat Claus vorgelegt, das erste, einen Gedichtband, schon 1947. Da war er achtzehn, hatte dem Elternhaus, der Schule, ganz Flandern mit seinen Pfaffenchristen, Genever-Helden und geprellten Kollaborateuren den Rücken gekehrt und malochte als Saisonarbeiter in der französischen Provinz, um ein paar Tage genial und unbeschäftigt in den Pariser Künstlercafés sitzen zu können.

Aber er war ja tatsächlich ein Genie, als Maler, als Lyriker, als Erzähler und als Dramatiker auch. Sein erstes Stück - es erschien 1954 und sezierte karg und kalt die ausweglose Lage eines inzestuösen Geschwisterpaars in kleinbürgerlichen Verhältnissen -, wurde mit Tennessee Williams' Glasmenagerie verglichen und machte ihn berühmt.

Zum Reduktionismus dieser glücklichen Anfänge ist Claus, der ein halbes Jahrhundert lang mit Stilen, Erzähl- und Darstellungstechniken experimentiert hat, immer wieder zurückgekehrt. Hierzulande freilich hat man wenig davon bemerkt. Alles, was spröder, grotesker, schneidender war als der großartig antiquierte Zeit- und Entwicklungsroman, der seinen Ruhm über die Grenzen Belgiens hinaus getragen hat, gefiel nicht recht, und bis heute ist der Kummer von Flandern (1983) Claus so anhängig wie die Blechtrommel seinem deutschen Kollegen Günter Grass, mit dem er außer der Doppelbegabung und dem Hang zu sinnenfreudiger Drastik auch das Schicksal teilt, ein ewiger Nobelpreis-Kandidat zu sein.

Soviel zur Person. Dem Flandern-Epos, das 1986 auf deutsch erschien, sind neben einer Auswahl seiner kraftvollen, herb-sinnlichen Lyrik (Die Spuren, 1994 bei Kleinheinrich in Münster) fünf Romane und Erzählungen aus den Jahren 1963 bis 1996 gefolgt: Das Sakrament, Jakobs Verlangen, Der Schwertfisch, Belladonna, Das Stillschweigen. In allen geht es um Sex, Lügen und die Schuld der Welt, beispielhaft exekutiert von flämischen Dörflern, Politikern, Kreativen, Stammtischhockern. Satiren und Grotesken, in denen jeder dritte als halber Dutroux erscheint und allenfalls die Armen im Geiste frei von Begehrlichkeiten sind und keine Leiche im Keller haben.

Das jüngste dieser Bücher ist 1996 unter dem Titel De Geruchten (Das Gerücht) erschienen und jetzt auf deutsch herausgekommen. Die sorgfältige Übersetzung von Waltraud Hüsmert trägt den anspielungsreichen Titel Das Stillschweigen, nach dem Namen der Kneipe eines typischen Hugo-Claus-Dorfes, hier genannt Alegem, in der alles Gerede entsteht und die kollektive Verdrängung besiegelt wird.