Graz. Ein nüchterner Besprechungsraum am Rande einer Autofabrik Ende Februar. Gary Cash ist nervös. Das Projekt, das der Amerikaner vorstellen soll, schien noch vor kurzem undenkbar: Ein Chrysler und ein Mercedes werden vom selben Band laufen. Die feine M-Klasse wird sich mit dem rustikalen Cousin Jeep Grand Cherokee Preßluftschrauber und Schweißroboter teilen.

Gary Cash repräsentiert auf diesem Außenposten die DaimlerChrysler AG. Er zieht ein Manuskript aus der Tasche. US-Manager wie Gary sprechen bei solchen Anlässen meist frei. Doch der Produktionsfachmann, der vor 34 Jahren bei der Chrysler Corporation anheuerte, weiß, daß seine Mercedes-Kollegen nichts so sehr fürchten wie einen Kratzer im Markenimage. Da dürfen bei den Journalisten aus deren Heimat keine Mißverständnisse aufkommen.

Gary trägt in Englisch vor, der offiziellen Konzernsprache der DaimlerChrysler AG. 1994 kam er aus Detroit nach Graz, um die Eurostar-Fabrik zu leiten. Dort wird der Chrysler-Minivan Voyager für Europa zusammengebaut. Heute spricht er freilich als Projektmanager für die Grazer M-Klasse-Produktion.

"The guiding principle is brand separation (das Leitprinzip ist die Trennung der Marken)", liest Gary vor. Die Rede stammt vom Mercedes-Produktionschef aus Stuttgart. Besser könne man es nicht ausdrücken, entschuldigt sich der Amerikaner. Vor lauter Abgrenzungsvokabeln wie brand identity (Markenidentität) oder uniqueness (Einzigartigkeit) geht der eigentliche Zweck des Projekts fast unter. Die Produktion der beiden Geländewagen in einer Fabrik spart nämlich Investitionen. Ein kleiner Beitrag, um das einzulösen, was die Konzernbosse Bob Eaton und Jürgen Schrempp ihren Aktionären versprochen haben: 1,4 Milliarden Dollar Verbund-Ersparnis schon im ersten Jahr.

Für 1998 meldet der DaimlerChrysler-Konzern aus Auburn Hills (Michigan) und Stuttgart den Verkauf von "weltweit über 4 Millionen Pkw und Light Trucks". Der Umsatz stieg um 12 Prozent auf 258 Milliarden Mark, das Betriebsergebnis gar um 38 Prozent. Nach Steuern blieb ein Gewinn von mehr als 10 Milliarden Mark übrig - plus 29 Prozent. Nur eines irritiert Gary. "Können Sie mir sagen, weshalb der Börsenkurs nach so tollen Zahlen einbricht?"

An Plätzen wie Graz könne "gegenseitige Befruchtung" stattfinden, sagt Gary. Doch ganz so einfach ist das nicht mit dem Befruchten und Sparen. "Der Cherokee und die M-Klasse haben praktisch keine Schraube gemeinsam", sagt Karl Ostermann. Der 46jährige Kfz-Meister in Diensten der Steyr-Daimler-Puch Fahrzeugtechnik (SFT) muß es wissen, er beaufsichtigt am Band in Graz die Jeep-Montage. Halle und Belegschaft haben DaimlerChrysler nur von SFT gemietet. "Lohnfertigung" nennt sich das.

Zweimal hat sich Ostermann schon bei Chrysler in Detroit in die effiziente Jeep-Montage einweisen lassen. Jetzt wurde er mit 15 Kollegen drei Wochen in Tuscaloosa im Staat Alabama geschult. Dort steht das bislang einzige M-Klasse-Werk, die erste Mercedes-Pkw-Fabrik außerhalb Deutschlands. Richtig große Unterschiede konnte er zwischen den US-Fabriken von Chrysler und Mercedes nicht feststellen.