In Großbritannien rebellieren die Genossen. Genauer: Es rebellieren einige Mitglieder bei Bradford&Bingley (B&B), der zweitgrößten Bauspargenossenschaft auf der Insel. Sie wollen lieber Kapitalisten werden.

Zähneknirschend und nach allerlei juristischen Winkelzügen mußte sich das B&B-Direktorium zu Wochenbeginn auf die Forderungen des nordirischen Mitglieds Stephen Major einlassen. Die 2,5 Millionen B&B-Genossen dürfen nun bis April schriftlich über seinen Antrag abstimmen, die Bausparkasse in eine Aktiengesellschaft zu verwandeln. Die Aktien würden dann an die Mitglieder verteilt und das Unternehmen an der Börse notiert - oder an einen Konkurrenten verkauft. Major verspricht sich und seinen Genossen davon dicke Profite: Schließlich bekämen sie die Aktien umsonst und könnten sie gleich wieder verkaufen.

Das klingt zwar abenteuerlich, aber der Trick hat in den vergangenen Jahren ein paarmal funktioniert. Die ehemals solidarischen Finanzriesen Halifax, Woolwich und Alliance&Leicester sind inzwischen auf diese Weise umgewandelt worden, und einige ihrer Mitglieder haben dabei fünfstellige Beträge eingestrichen.

Stephen Majors Angriff auf B&B ist kein Einzelfall. "Genossenschaften knacken" ist in Großbritannien zu einer Art Sport für Spekulanten geworden: Der eher linksgerichtete Independent on Sunday hat bereits einschlägige Tips veröffentlicht ("Wie man jetzt am besten auf die Umwandlung von Genossenschaften setzt"), professionelle Anlageberater haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt, und in der Londoner "City" sollte sogar schon einmal ein "Anlagefonds Genossenschaftenknacken" aufgelegt werden. Selbst Nationwide, die größte Genossenschaft Großbritanniens, konnte letztes Jahr nur ganz knapp eine Attacke der Genossenschaftsknacker abwehren. Es war schon die zweite.

Die Einsätze sind bei diesem Spielchen nicht hoch, und ein Verlust der Geldanlage droht nicht. Die Bauspargenossenschaft Portman hat 1998 noch neue Sparkonten mit bloß 100 Pfund Einlage eröffnet. Doch inzwischen sind die meisten Genossenschaften vorsichtiger geworden. Angriffswellen in den Jahren 1997 und 1998 führten dazu, daß einzelne Bausparkassen zeitweise nicht mehr Herr der Schlangen vor ihren Schaltern wurden. Einige stoppten daraufhin gleich für ein paar Monate die Neuaufnahme von Mitgliedern, andere fragten ihre Neukunden wenigstens hochnotpeinlich aus.

Das Häuflein der verbleibenden Genossenschaften hat sich inzwischen zu einer Art Selbsthilfegruppe zusammengetan und teilt sich erstklassige Rechtsbeistände. Im Januar gelang es der Yorkshire Building Society und der Britannia, mit allerlei juristischen Tricks die Konversionsanträge des ehemaligen Butlers Michael Hardern abzuwehren und gar nicht erst den Mitgliedern zur Abstimmung vorzulegen. Doch Hardern läßt nicht locker, hat schon die nächsten Anträge eingereicht und kandidiert persönlich für das Direktorium mehrerer Genossenschaften.

Vor allem aber appellieren die Bausparkassen und andere Genossenschaften an die Vernunft ihrer Mitglieder. B&B zum Beispiel beteuert in diesen Tagen, was auch die Verbraucherverbände bestätigen: Eine Genossenschaft kann ihren Mitgliedern weitaus bessere Spar- und Kreditbedingungen bieten als eine Bank, denn diese müßten ihren Aktionären Dividenden auszahlen. Doch die "Knacker" sind davon nicht zu beeindrucken. Schließlich dauert es eine Weile, bis mehrere tausend Pfund Gewinn von etwas schlechteren Sparzinsen aufgefressen werden.