Mythos blendet. Als Archäologen Ende des vorigen Jahrhunderts in den Trümmern der babylonischen Stadt Ur zwischen zwei Siedlungsschichten eine Lage sterilen Sandes fanden, hielten sie den Fund für einen Beweis für die Sintflut.

Giacinto Scelsi, der in der Abgeschiedenheit komponierende italienische Conte d'Ayala Valve, war von rätselhaften Vorgängen ferner Vergangenheit leicht zu begeistern. Und so regte ihn die Legende von der vor fünftausend Jahren mächtigsten Stadt Asiens zu einem Stück an: Yamaon. "Yamaon prophezeit dem Volk die Zerstörung der Stadt Ur." Von orchestralem Weltuntergangsgetöse denkbar weit entfernt, entfaltet Scelsi seinen charakteristischen wie unikaten Stil ungebremsten Energieflusses. Er benötigt keinen großen Aufwand. Ein Bassist und fünf Instrumente reichen, um Drohung und Grauen zu evozieren, zumal Johannes Schmidt die Rolle des Propheten übernimmt und die Erde kraft seiner Stimme beben läßt.

Die klangliche Achse dieses und der anderen Stücke der CD mit Musik von Giacinto Scelsi (Kya, hat[now]ART 117; Vertrieb Helikon) bildet der Saxophonist Marcus Weiss. Er wählt einen Klang, wie Stahlrohr mit Samt umwickelt, um den "eintönigen" Klangfluß darzustellen - gerade, immer aufrecht, fähig, das wuchtvolle Ornament mit dem nachfedernden Decrescendo zu verbinden.

Als Kind soll Scelsi tagelang am Klavier gesessen und stets nur einen Ton angeschlagen haben und den nächsten nicht eher, als bis der erste restlos verklungen war - und wer es je probiert hat, weiß: Das kann dauern. Und: Ein Ton ist ein lebendiges Universum, vielfältig und voll von verströmender Energie. Scelsi, der auf die Vielzahl der Töne verzichtet, um den Ausdruck des einen Tones aufzuladen, erreicht das Paradoxon eines permanenten Verklingens. Dabei kann die Musik die bohrende Intensität von Zahnschmerz entwickeln: Wer ihn hat, kann ihn nicht ignorieren, die Nackenhaare stellen sich auf, die Farben wirken stechender, und zugleich strömt die Welt mit ruhiger, unaushaltbarer Präsenz durch das zermürbte Knochenwerk.

Ist das Neue Musik? Archaische Gewalt ist ihr zu eigen, aber sie ist auch durch alle Subtilitäten zeitgemäßer Klanggebung hindurchgegangen. Eine Musik, die, wenn sie so durchdrungen wie hier von Marcus Weiss gespielt wird, mit mythischem Licht blendet.