Der Weltraum, ohne Zentrum, ohne Rand. Ein sich selbst ausdehnender, elastischer Raum, gähnend leer und dunkel. Und doch voller "Leben": Rote Riesen, Weiße Zwerge, Braune Zwerge, Schwarze Löcher, Pulsare und Quasare. "Die Strahlungsleistung eines Durchschnittsquasars beträgt 1040 Watt; das ist die Strahlkraft von zehn Billionen Sonnen." Millionen, Milliarden, Billionen, 10 hoch undenkbar, das sind hier so die gängigen Zahlen. Und alles in Lichtjahren. Jenseits der Anschauung, jenseits des Staunens?

Da staunt man denn doch erst einmal über dieses Buch von Gerhard Staguhn, das mit Ordnungsliebe und ruhigem Tonfall dieses überaus wunderliche Gebilde Weltall schildert. Ein Aufsatz eigentlich, rund 200 Seiten lang, untergliedert in viele kurze Abschnitte. Gucken darf man auch: einige erläuternde Skizzen, in der Mitte ein farbiger Bildteil mit Illustrationen und Fotos des Hubble-Weltraumteleskops, Augenfutter für galaktisches Fernweh. Wer mehr davon will, wird am Ende aufs Internet verwiesen. Aber ansonsten ganz, ganz textlastig dieses Buch, quasi alte Schule. Nur wenige Seiten gelesen, und man ist dafür außerordentlich dankbar, will sich gar nicht mehr ablenken lassen. Staguhns Text brilliert durch einen sicheren Zugriff, stichhaltige Beispiele und eine plausible Gliederung. So entsteht aus der Kontinuität der Erörterung ein reichhaltiges Panorama des derzeitigen Wissens, Nichtwissens und Spekulierens über den Kosmos. Das Buch hat alles, um ein Klassiker der Himmelskunde für jugendliche Leser zu werden.

Anfänglich vielleicht noch Skepsis. Denn Staguhn meidet deutlich einen historischen Aufriß der Himmelsforschung, der die Entwicklung der Astronomie von den alten Völkern über Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton bis heute nachzeichnen wollte. Hier geht es, nach Bemerkungen über Sinnestäuschungen, über die Geschichte des Fernrohrs und über die Natur des Lichts, direkt ins große Ganze, ins All. Ein körperhaftes Gebilde voller Zumutungen für die Vorstellungskraft: Das krümmt und dehnt sich, verdichtet und verdünnt sich, wirft Zeit und Raum in den Schmelztiegel der vierten Dimension und läuft gekrümmt in sich selbst zurück.

Der Beginn irgendwo im Distrikt des Unsagbaren, ein unendlich dichter Materiepunkt von unendlich hoher Temperatur, eine "Singularität", wie die Physiker so vornehm wie entwaffnend sagen. Im Zeitpunkt Null der Urknall. Und schon nach einer millionstel Sekunde liefert das Modell der Physiker erste verwegene Ergebnisse. Möglich wäre ein Materiezustand, der "eine Ansammlung freier Quarks zuließe". Temperatur: etwa eine Billion Grad, Durchmesser des Alls: nicht mehr als ein billionstel Zentimeter. Am Ende, nach 10 100 Jahren, nur noch eine extrem dünne "Suppe" aus elektromagnetischer Strahlung: "Diese ,Suppe', die gewissermaßen das Weltende darstellte, wäre so dünn, daß man nur alle Million Lichtjahre auf eines der Elementarteilchen stieße." Genug, genug: "Was danach kommt, gibt physikalisch nichts mehr her: Da machen die Computer nicht mehr mit."

Bei Staguhn kommt noch so einiges. Er kehrt in die heimischen Gefilde unseres Planetensystems zurück. Im "kleinen" Maßstab staunen wir viel besser. Mit den Theorien über die Entstehung des Lebens erhält der Aufsatz im letzten Drittel neue Höhepunkte.

Und auch hier bewährt sich sein heimliches, leserfreundliches Motto: "Ob wir das nun wirklich alles verstanden haben oder nicht, ist gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, daß wir eine Ahnung davon bekommen haben." Haben wir. Und ahnungstrunken taumeln wir zwischen Wissensresten aus der Physik und Science-fiction-Fragmenten. Odyssee im Weltraum.

Gerhard Staguhn: